Samstag, 11. Mai 2013

Der Trinker im trautem Heim


Er sitzt in seinem Sessel, der am anderen Ende des Zimmers thront. Ein riesiger Ohrensessel mit einem 70iger Jahre Stoff bezogen. In seiner Hand liegt locker die über seinem Mittelfinger schwebende Zigarette. Sie wackelt hin und wieder unbeholfen nach oben und unten mit ihrem glühenden, bedrohlichen Ende. Seine Angetraute beobachtet skeptisch seine Antriebslosigkeit und bewundert seine trotzige Art. Gegen körperliche Arbeit und angeordnete Anweisungen wehrt er sich vehement. Er kann nicht ausführen, was man ihm aufträgt. Sein Körper wird unter Belehrungen schwer und träge. Er kippt in die horizontale Position und bleibt schwer wie Blei liegen. Ohnmächtig wird sein Geist, der sich in den Tiefen seiner Seele verliert.
Bereits als sie ihn kennenlernte war er ein untriebiger Grübler. Unbemerkt schlich er sich an den Menschen vorbei und studierte ihre Leben. Er fing die Menschen mit seinem wachen Verstand und analysierte ihr Verhalten. Ohne Aufsehen durchschaute er ihre Ziele und machte sich ihre Hilflosigkeit über seine einnehmende Art zu nutze. Geschickt konnte er sie für sich gewinnen, indem er ihre Aufmerksamkeit allein für sich beanspruchte. Er machte sich zum Mittelpunkt, an dem kein Weg vorbeiführt. Seine Sätze sind Befehle und Listen, beschrieben mit Folgeleistungen. Allmächtig schießt er mit Gedanken auf wunde Punkte und ermittelt den Schwachpunkt der Menschen. In kürzester Zeit wird er zum Herrscher ihrer Welt. Unfähig der Gegenwahr, verwurzeln sie auf der Stelle und verfolgen jedes seiner Worte mit Akribie.
Auch sie fing er in seinem gespannten Netz. Kaum merklich nimmt er sich, was ihm gefällt.
Er wartet in dunklen Ecken, um die Menschen gefangen zu nehmen. Lautlos blickt er sich nach seinen Opfern um. Studiert ihr Bewegungen und beobachtet ihre Mimik. Drehen sich die Menschen nach links, steht er rechts. Gehen sie nach vorne ist er unbemerkt hinter ihnen und geht ihren Schritten nach. Sie spüren seinen Atmen auf ihrem Nacken und die Wärme, die er ausstrahlt. Aber will er nicht gesehen, dann kann er nicht gefunden werden. Er riecht nach der Straße und dem Leben der Stadt. In ihrer Mitte lauert er auf mehr Spiel. Ein Süchtiger.
Er verpasst nicht das Leben, denn er ist mit ihm verwachsen. Im Leben wurzelt seine Kraft. Alle Energie saugt er aus den Menschen und hinterlässt eine leere Hülle.
Jeden Morgen geht er wieder in die Welt und ist auf der Suche mit schwächten Knochen. Sie knacken vom trockenen Alltag. Die Pflichten des Tages zermahlen den Geist. Die Muskeln brauchen warmes Blut und pochende Adern. Sein Studium treibt ihn in die Cafés und Kneipen der Stadt. Am Tresen benässt er für seine ausschweifenden Reden seine Kehle mit Bier. Nie zahlt er seine Bestellungen, denn er wäscht den Menschen den Kopf. Sie werden ihm untertänig und bewundern seine starke Sprache. Sie verteidigen seine Aufmerksamkeit gegen Eindringlinge und Lauschende. Sie betteln um Akzeptanz und streben nach seinem Wohlwollen.
Er ist ein guter Trinker. Ein lustiger Trinker. Ein eingefleischter Sitzender.
In der Kneipe scheint sein Licht am hellsten und lässt die Kneipenhocker erschauern. In ihrer Mitte ist sein Wort Gesetz. In seiner Nähe wird jeder zum Untertanen. Er gibt Ratschläge und führt Fragende auf Irrwege. Er erzählt Geschichten und berichtet von Interessen. Kein alter Seebär würde besser einen Erzählenden mimen als er. Die Nacht ist sein Geschäft. Die Straße sein Zuhause.
Aber bei seiner Frau, in seinem Eigenheim sitzt er mit einer Zigarette auf einem Sessel. Er liegt auf dem Bett, in dem Bett. Er liest ein Buch und blättert in der Zeitung. Er trinkt Wasser und isst das Essen seiner Frau. Er fragt nicht, er antwortet nur. Er bewegt sich in Zeitlupe. In seinem trauten Heim ist er kein leuchtender Stern. In seinem Heim ist alles bedeutungslos. In seinem Heim ist er der Schweigende.

JD

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