Samstag, 18. Mai 2013

Ein Frühlingsgefühl des Gemarterten


Der Tyrann zitiert den Gemarterten in sein Büro, denn das Gesicht des Tyrannen landete auf einer Betriebsfeier des Unternehmens auf seiner Faust. Jetzt versucht der Tyrann den Gemarterten mit verschiedenen Fragen aus der Reserve zu locken und zu einem Wutausbruch zu bewegen. Der Gemarterte will aber unter dem Tyrann weiterhin Arbeiten und die Nerven des Tyrannen spannen. Der Tyrann wendet sich mit einem wirren Fragenkatalog an den Gemarterten.
Tyrann: Was ist Ihr frühester Eindruck?
Gemarterte: Ich hatte Probleme vom Inneren meiner Mutter her durch den Briefschlitz zu rufen. Da legte ich Hand an und folgte dem schmalen Streifen Licht nach oben. Da hörte ich schon bald die hallenden Schritte weiß bekleideter Menschen. Ja, das weiße Licht brachte mich zum Blinzeln. Das bleibt für die Ewigkeit! Ich war ein ganz normaler Zweitgeborener. Ich schlief auf allen Seiten und empfand mein Dasein bewegungsfremd. Man konnte immer nur auf eine Seite rollen. Vielfach war ich munter oder schläfrig vom Schwindelgefühl des Hin- und Herrollens. Licht und Dunkelheit. Ab und zu gab auch noch das Zurückwalzen meiner Mutter.
Tyrann: Von Ihrem Arbeitsplatz, Sie Spinner?
Gemarterte: Eine präzise Frage fordert zu einer genauen Antwort auf. Eine Frage mit verschieden gesinntem Hintergrund ergibt eine unerwartete Erwiderung.
Tyrann: Beantworten Sie die Frage, Schlaumeier!
Gemarterte: Das Arbeitsfeld Ihres Hauses ist ein Navigationssystem durch die Zukunft des Kapitalismus. Wir fördern durch die Unterstützung der Globalisierung die Welt von morgen und werden so zu Krisenmachern. Wir helfen fleißig bei der Deregulierung der Finanzmärkte mit der Ausbeutung ahnungsloser Kunden mittels der Konzentration auf Anhäufung eines Reichtums für diesen Laden hier. Hunderte Kunden zahlen dafür persönlich Zeche. Globale Ausbeutung.
Tyrann: Sie sind also doch vom Fach. Links oder rechts?
Gemarterte: Verfolgt man das eine, wie das andere dreht man sich am Ende doch nur im Kreis.
Tyrann: Anders ausgedrückt sind sie für Schwarz oder Rot?
Gemarterte: Grün. Rot macht aggressiv und Schwarz traurig. Aber Politik bleibt für mich eine bunte Sache.
Tyrann: Würden Sie empfehlen unsere Produkte im Internet oder über einen Laden zu vertrieben?
Gemarterte: Ladenverkauf. Da erreicht man die richtigen Leute, die keine lange Liste Verbindlichkeiten einfordern. Alles kann gekauft, muss aber nicht eingekauft werden. Und am besten aus dem Automaten. Am allerliebsten im Automaten.
Tyrann lächelt feindlich: Was ist ihr Lieblingsbuch aus unserem Hause?
Gemarterte: Wenn meine Bücher nicht zur Hand sind, empfehle ich keine. Was zu Papier gebracht wurde, ist bis zum Verfall veredelt worden. Aber Naturbücher sind interessant. Da kann mal nachschlagen, was Tiere und Pflanzen so umtreibt.
Tyrann: Pflanzen umtreibt?
Gemarterte: Entschuldigung. Hochtreibt.
Tyrann: Fällt Ihnen denn spontan eine Autorin ein, deren Buch von uns verlegt wurde?
Gemarterte: Puh. Das kann ich mir nie merken. Die Namen klingen immer nach feministischen Krawallmacherinnen. Die schreiben ja immer so viele Bücher. Da macht die Zunge nicht mit.
Tyrann: Versuchen wir es mal mit der attraktivsten Frau?
Gemarterte: Da macht die Zunge mit, aber nicht das Gedächtnis.
Tyrann: Der erotischste Mann!?
Gemarterte: Da schaue ich gerne mal in den Spiegel.
Tyrann: Manchmal macht es mich traurig, dass sie Augen haben. Ich spring ständig herum.
Gemarterte: Ja. Ich höre besser als ich sehe. Wenn ich Sie sehe, habe ich blinkende Lichter vor den Augen.
Tyrann: Wann bin ich zuletzt bei Ihnen vorbeigehüpft?
Gemarterte: Nach meinen klingelnden Ohren zu urteilen, vor 14 Stunden nach der Betriebsfeier. Ich war voll auf Speed und Sie schlugen sich ein Loch in ihre obere Zahnreihe.
Tyrann: Wann gab es hier zuletzt Parties?
Gemarterte: Die durchgeplanten feierlichen Zusammenkünfte sind jedes Mal ein hübsches Arrangement der Arbeitnehmer. Man lernt sich besser kennen, landet in verschiedenen Schößen. Kommt sich so nahe, dass man Monate Abstand braucht und hält die flüchtige Beziehung voreinander geheim. Dann winken besser bezahlte Jobs bei schlechteren Verlagen mit mehr Tyrannen.
Tyrann: Seit dem Schlag nimmt Ihr Übermut zu. Sind sie sicher, dass er direkt mir galt?
Gemarterte: Mir ist egal unter wem ich leide. Jedem Tyrann käme ein Schlag zu.
Tyrann: Mhh. Empfinden Sie Ihren Arbeitsplatz als gemütlich?
Gemarterte: Bei Regen werde ich auf der Treppe nass und er vertriebt die Vorgesetzten. Aber der Dienstbotencharme des Flurs hat etwas Unterwürfiges. Es ist sicher, denn neben mir hängt der Feuerlöscher und der Zigarettendunst riecht kalt. Aber bei Sonnenschein ist es schön hell.
Tyrann: Lesen sie unsere verlegten Bücher?
Gemarterte: Nicht ohne Scham und zum Einschlafen. Da steht nie viel Sinniges geschrieben.
Tyrann: Das ist so nicht zu bewerten. Der Erfolg ist das Ergebnis einer Gemeinschaft. Die Autor/innen werden von uns begleitet und zum Schreiben angeregt. Alles quervernetzte Gedanken. Haben sie Probleme mit Mitarbeitern?
Gemarterte: Mit keinem. Ich benutze sie alle für die Fertigung meiner Arbeit und werfe sie dann zu ihrer zurück. Mir ist egal wer meine Arbeit umsetzt.
Tyrann: Ihre Arroganz und Ihr kaltes Lächeln sind verboten umwerfend. Langsam tauen Sie auf und fühlen sich wohl als Herr der Lage. Zeit für die gewichtigen Fragen. Schon mal hier mit einem Kollegen Sex gehabt?
Der Gemarterte ist schlau und lässt sich nicht austricksen: Das wird mir an dieser Stelle zu kompliziert.
Tyrann: Kopulation. Oder wie die Jugend formuliert: F...?
Gemarterte: Ich verstehe nicht recht. Wenn man genau bei Ihnen hinsieht, erkennt man rote Flecken in ihrem Gesicht und natürlich auf ihrer Couch, aber keine roten.
Tyrann: Das war kurz und dreckig von Ihnen gesagt. Glauben Sie mich zu Durchschauen?
Der Gemarterte denkt, noch gibt es keinen Kündigungsgrund: Auf der Party haben sie mich beleidigt und fuchtelten mal wieder wild herum. Da schlug ihr Gesicht in meine Faust. Sie gingen eine extrem komprimierte Nähe zu mir ein und vernichteten Ihre blanke Zahnreihe mit einem deutlichen Gestus meinerseits. Ich unterbaute meinen Standpunkt. Zerstören, was zerstört macht.
Tyrann: Was bedauern Sie daran?
Gemarterte: Ich bitte Sie! Ihr Ungeschick.
Tyrann: Sie machen Witze!
Gemarterte: Ich gebe eine klare Auskunft. Ich bin die Wahrheit, denn an jenem Tag war ich kein wilder Kreisel.
Tyrann: Aber die Einschuldigung!
Gemarterte: Die Pointe der Geschichte ist der finale Schlag ihrerseits, in meine Faust. Der eigentliche Sinn ist nicht mein Gewerbe.
Tyrann: Ja, sie sind kein Bildungsbürger, sondern ein Barbar!
Gemarterte: Aber auch kein Barbar. Der Bildungsbürger ist ein Barbar, denn er verfällt vor schwierigen Situationen in einen Dämmerzustand. Dann wird es blutig. Generell sprechen ich nicht zu denen, denn sie können nur predigen.
Tyrann beugt sich zum Gemarterten vor, da ihm das Thema wohl bewegt: Bin ich ein Prediger?
Gemarterte: Ja, denn Prediger sind mit sich voll und ganz einverstanden. Daher wollen sie andere bekehren. Ihr Kreiselverhalten war meine Unfähigkeit bekehrt zu werden.
Tyrann seufzt und nimmt von einem Lakaien einen Kaffee: Glauben Sie, ich bin einverstanden mit meiner Art?
Gemarterte: Ja, denn sie finden andere oft albern. Sie nehmen die Dinge viel zu ernst und meine Ernstlosigkeit hebelt ihre Welt aus den Fugen.
Tyrann: Nein. Ich finde sie sollten den Ernst Ihrer Lage erkennen.
Gemarterte: Ich kann ihre Ernsthaftigkeit nicht aushalten, ohne selbst ernst zu werden. Und so was ist schäbig. Ernsthaftigkeit ist ein Schwert der Niedertracht und das bringt die Gesellschaft zum Bluten. Sind Nichternste freundlich oder höflich, müssen Ernste diesen Gesetzmäßigkeiten nach unfreundlich sein.
Tyrann: Sprechen wir von meiner Einschätzung der Lage. Ich habe sie als Kandidat für den Job nie unterstützt. Meine Sympathie gilt nicht dem Außenseitern, die immer hinten sitzen und ihre Potenzial nicht nutzen. Das macht Sie lächerlich. Ich fordere als Ergebnis einen anderen Ton von Ihnen.
Der Gemarterte schläft beim langsamen Tonfall des Tyrannen ein und entspannt seine Nerven. Seine neumalklugen Verweise auf seine Gedankengänge erschöpften das Thema. Sein Ton wurde fortan elegant routiniert, aber nicht gefallsüchtig. Der Schalk blieb lieber im Nacken und seine Antworten waren nun harmlos. Man meint immer es käme schlimmer. Dem ist nicht so! Aber es ist schlimm, denn vor dem Verhör strahlten die Augen des Gemarterten von der Frühlingssonne.

JD

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