Sonntag, 23. Juni 2013

Frühjahrsputz


Das Liegengebliebene und Vergessene packt sie in eine Tüte, die fest verschnürt wird. Der Boden muss vom Klebrigen und Haarigen befreit werden. Die Regale erhalten ihre hochstapelnde Funktion zurück und werden wieder belegt. Staub, als fremde Materie am falschen Ort, aber richtigen Platz, wird belassen. Mit der Staubzucht hat sie schließlich auch Zeitgeschichte materialisiert.
Eifrig wienert und wirbelt sie durch den Raum. Schubladen werden zum erleichternden Denkprinzip. Beschriftend und etikettierend unternimmt sie den Versuch einen Wegweiser für die vielen Pfade zu finden. Durch eine gezielte Positionierung kann alles zur Nummer werden und in einer Struktur einen Sinn erhalten. Alle Reinigung und Planung bietet ihrem Kopf Sicherheit und ihrem Herzen Zuflucht.
Den Müll entsorgt sie fachgerecht und räumt im Herzen einen Platz frei. Die Fenster stehen offen und die Türen hebelt sie aus ihren Angeln. Im April folgt oft nach der Sonne, Wind und Regen. Da wirbelt der Wind eines Tages unerwartet durch den Raum und reißt die Schubladen raus, kippt die Regale um und pflastert den Boden mit Chaos. Verzweifelt über den grausamen Anschlag, verriegelt sie die Tür, vernagelt mit Brettern die Fenster und zimmert sich ein Versteck für das Seelenheil.
Sie belässt alles an Ort und Stelle, damit sie nichts vergisst. So glaubt sie, ihr Herz vor Qualen und Schmerzen zu behüten. Ihr Tag wird fortan dunkelgrau. Keine Horizonte und Lichtblicke duldet sie. Alle Wärme von außen verbleibt vor dem Schutzraum. Loderndes Feuer, tödliche Angst, stürmische Wut, mitreißende Freude und wildes Tanzen löst sich in ihrer Seelenwüste auf. Der Raum verliert an Fülle und das graue Einerlei erhält immerfort Einzug in ihrem inneren Bewegungsfeld.
Alles eintönig und ein einziger Brei! Essen, Trinken, Schlafen verschwinden zum Ganzen. Im Spiegel wird ihr Angesicht zur Glätte und vergraut immer mehr. Was bleibt, ist Zeit.
Die Zeit ist ein fleißiger Arbeiter und regelt den Schichtplan. Sie teilt alles in Lebensabschnitte ein und vergütet die getane Arbeit mit respektierlichem Gehalt. Da sieht die Zeit aber irgendwann, dass ihr ein fleißiges Bienchen abhanden gekommen ist. Sie fliegt und sammelt nicht den Honig ein. Da schmiedet die Zeit von Ärger geplagt einen schändlichen Plan. Sie streicht alle gesammelten Treuepunkte und vergisst ihren freien Tag.
Da sprach sie zur Zeit, das könne aber nicht sein! Wo bliebe da noch die Gerechtigkeit. Blut kocht in ihr hoch und mit Galle spritzt sie die Zeit von oben bis unten voll. Ihre verblasste Haut färbt sich wieder lebensnah und untermalt ihren Spruch. Plötzlich sagt sie alles mit Farbe und schmeckt das bunte Leben in einer rasenden Flut. In Wellen umspült sie der Regen mit einem Guss, die Wut erhebt den Dolch und schneidet ihr ins Fleisch, der Wind trägt ihre Sorgen fort und die Sonne flutet ihr Herz.
Sie gerät in einem Wirbel und wird unachtsam, sodass die Zeit ihr einen Deal vorschlägt. Um ihr Gesicht zu wahren, will sie gütig wirken. Vor böser Nachrede graut es ihr immer sehr. Gewitzt nutzt die Zeit die Stunde, dass liegt in ihrer Macht und umgeht den Dienstplan. Sie schlägt einen Tausch vor und bietet ihr an, was vom Grau zu nehmen. Schmeichelnd erzählt sie von besseren Jahren und wirbt mit Gratis Lebensglück. Sie müsse nur mit der Zeit Karten spielen.
Oh, da gerät sie doch schnell ins Grübeln. Spielen entspricht nicht ihrer Natur. Viel Riskieren birgt große Gefahr. Sie fragt nach dem Einsatz und erhält die Antwort: „Einen Strich durch wahllos viele Lebensjahre.“.
Ihre Seele gerät unter Spannung und dehnt sich in alle Richtungen. An ihr zieht und zerrt es, bis sie zerreißt.
Zurück bleibt das Grau. Zu Grau passen eigentlich alle Farben.

JD

Samstag, 22. Juni 2013

Triumph verhallt


Die Wahrheit kann nicht bezwingen
Die Menschen brauchen keine Vollkommenheit,
sodass sie durch Universen geführt werden
und dem Leben einen Platz anbieten.
Die Unvernunft besiegen
und im ruhigen Strom tauchen,
der vor Stumpfsinn schützt
und Schmerzen nicht in Gründe stürzt,
weil sie in Qualen gewogen werden

Im Kern die Wahrhaftigkeit geborgen
werden Lügen zum gegnerischen Schwert
und der Wahnsinn, der Heiligtümer präsentiert,
um in Tarnung das Haupt senkt.
Im Reich von Tyrannen beherrscht,
die sich heimlich selbst bekrönen,
um die Menschen mit ihren schrillen Tönen zu verletzten.
Die Retter wollen erhalten,
was die Menschen nicht zu wünschen erhoffen

Unantastbar steht sie nicht als Siegerin
umgeben von tiefen schwarzen Schluchten
wird sie schön in der Stellung,
aber zerreißt den Willen der Menschen
hinterlässt Trümmerfelder der Seele
übernimmt den Weg in die Dunkelheit
zieht sie alle mit hinein
überhöht in weichen Formen das Licht,
denn Wahrheit ist ein vergangener Stern.

So können Menschen nur wünschen zu ihm zu fliegen.

JD

Samstag, 15. Juni 2013

Mir gegenüber


In dem entstellten Habitus erkenne ich
das Wesen meiner Seele!
Ohne Bedeutung besaß mich die Neutralität.
Frei von Bestandteilen ist nichts echt,
gewinnt dieser Emporkömmling meine Zuneigung,
gewachsen aus meiner Vergangenheit als unbekanntes Geschlecht.

Ich ergab mich der Bedeutungslosigkeit,
da niemand meinen wahren Namen kennt.
Die Dinge verlassenen meine Inbesitznahme
in der Vorbereitung vollende ich
die Entwicklung meines Selbst

Das unbekannte Wesen an der Seite
stößt es mit Recht meine Scheußlichkeit fort.
Da beginne ich das Wachstum zur übergroßen Gestalt
und werde ein erkennbares Geschlecht

Ich erteile die Erlaubnis für die Rechtschaffenheit,
lasse den Propheten meine Strecke erwählen,
das es kein Spiel mehr von mir gibt
und ich die jetzige Fahrt werde

In tausend Teile gebrochen, habe ich mehr!
Ein haltendes Gefäß vollgefloßen mit Berichten
und noch beachtlich gefestigt, nicht mehr menschlich
habe ich so viele Sprünge in der Festung.
Ich bin die Friedenszone meiner tosenden Stürme
und biete meine Liebe den Winden an

Im Rhythmus der Zeit schwirren nun die Gedanken.
Bilde ich Staaten bewaffneter Soldaten
im geschlossenen System liegt die Magie
Kaiserin über die Ungeheuer zu werden.
Doch bleibe ich desolat!

In den Verläufen der Festung bin ich die Führung

Willst du meine Begleitung sein?
Das pochende Herz.

Ich bin nicht die Schreckensgestalt
Nicht die Untertannin, nicht ihre Gebieterin
Ich suche einen Begleiter als Weisender
Willst du bei mir sein?

JD

Der Mann als Wirbelsturm


Sein Blick ist immer auf den Boden geheftet. Für ihn stellt er einen sicheren Halt dar, den er dringend braucht. Am liebsten verfolgt er in der Nähe des Hauses seiner Mutter die Pfade des Waldes. Das Haus steht wenige Meter hinter dem Ausgangsschild der Stadt und die Straße, an der es steht, ist wenig befahren. Sein Zimmer geht dorthin hinaus, denn das Haus steht an einem Hang. Er liebt den ungehinderten Blick auf den Boden. Dort wo er lebt, kann er nicht schwanken und bleibt unverändert.
Am Rande der Stadt dringt er in die Dunkelheit des Waldes ein und geht bis zum Schlund hinein.
In der Sonne verborgen, entstehen flimmernde Schwaden über dem erhitzten Boden. Er glüht wie er. Seine Gedanken sind noch ganz warm und vom Heraumfliegen erhitzt. Sein leerer Blick fährt den sicheren Halt ab. Jetzt, in der Hitze des Tages, überkommt ihm die Leidenschaft und er springt aus seiner Zimmertür in den Flur. Durch die Haustür ausgetreten, überkommt ihn erdrückende Hitze. Die Hitze ist sein Rückzugsort. Nicht viele Wege dringen zu ihm vor. Nachdem er seine anfängliche Scheu vor dem Druck der Welt überwunden hat, freundet er sich schnell mit der Schwere dieses Tages an.
Heute will er sich mit dem Sommer anfreunden und seine Stunden damit verbringen seine geliebten Wegplatten abzulaufen, zu rauchen und zu trinken.
Der Einfluss dieses langen Weges verändert merklich sein Verhalten. Von einem zum anderen Stein erhöht sich seine innere Spannung.
Auf der Treppe zu den Betonplatten der Einfahrt bemächtigt Euphorie seine Stimmung. Bis zum Anschlag bläht sich sein Innerstes auf und ist mit explosiver Freude gefüllt. In diesem Sommer sind die Tage unbeschwert. Jede Stunde nimmt ein abruptes Ende, denn er kann seine Gedanken nicht zur Ruhe bekommen. Sie schwirren laut in seinem Kopf und tragen ihn seinen Weg entlang. Im Sturm saust er die Treppen zum Bürgersteig hinunter und springt auf den Beginn einer langen Reise. Sein Körper wendet sich nach links, vorbei an der riesigen Straßenlaterne. Vorbei an den zurückgelegenen Häusern der Nachbarn. An ihren Begrenzungen aus Grün. Ihr Eigentum ist sicher und gerade abgetrennt. Rechts verlaufen ein Steifen ungepflegtes Grün und der dampfende Asphalt.
Von oben brennt die Sonne seine Euphorie nieder. Zu jeder Zeit, wenn er die Gewalt des Lebens auf seiner Haut spürt, flüchtet er zum Waldrand. Er nimmt nicht die ausgetretenen Pfade der Hundebesitzer und der Jäger. Er überquert auch nicht geebnete Wege zur Bewirtschaftung der Felder, sondern er wählt die entlegenen, schlecht passierbaren Feldränder.
Bricht er auf, sind die Menschen zu erschöpft zum Stemmen des Tages. Sie dösen in der Mittagshitze und vergessen ihren Antrieb. Allein bewerkstelligt er seinen vorgelegten Weg. Sein Schritt nimmt viel seiner Unbeschwertheit. Er ist ein einsamer Mann, der die Ruhe sucht. Überraschungen befremden ihn. Seine einsamen Stunden sind seine heilende Zeit. Die Hitze schlägt sich langsam in seiner Kraft nieder und stellt ihn vor eine Herausforderung. Er muss weitergehen und seinen Weg finden.
Am Rande des Feldes stolpert er über riesige, glatte Steine und kleine spitze Kanten bohren sich durch die dünne Sohle seiner Turnschuhe. Die lange Stoffhose reißt an den dornigen Sträuchern auf und das lange Hemd legt sich flach auf seine Brust. Der Atem geht ihm schwer und seine Stirn legt sich in Falten. Der Mund steht offen, um seine Lugen besser zu versorgen.
Den Waldrand fest im Blick nähert er sich unaufhörlich seinem Ziel. Die Geräusche des Lebens schwinden langsam und er nimmt nur noch seinen Atem war. Langsam sieht sich sein Körper in der Pflicht die berauschte Hülle zu kühlen. Der Schweiß dringt aus den Poren und legt sich als Mantel auf seine Haut. Er wischt sich die Nässe von der Stirn.
Sein Rücken fühlt sich im Bereich des Nackens wie von Metallösen durchbohrt an und im Bereich des Unterleibes von Schnüren umfangen. Als würde er von der Sonne aufgehängt und gegen den Himmel gezogen werden. Er traut sich dagegen anzukämpfen und seine Beine hochzunehmen. In den letzten Metern wird er von seiner Willensstärke mitgenommen. Sein sämtliches Körpergewicht hievt er eisern mit jedem Schritt in die Luft und bei jedem Beugen der Knie stemmt er den schwerer fallenden Körper der Sonne entgegen. Er bekämpft die weitere Last des Weges und löst sich von der Macht einzelner Muskeln. Schmerzhaft presst er seine Kieferknochen aufeinander und drückt gegen die Schnüre um seinen Leib, die sich auch seine Beinen bemächtigen wollen.
Er sehnt sich seit langem nach einer Ansage des Lebens. Die Fleischerharken bohren sich bereits in seine Ober- und Unterschenkel und lassen ihn kehlig aufschreien.
Er ist ein unauffälliger Mann mit Abitur in der Tasche und Bestätigung für den Antritt eines Medizinstudiums. Niemand nimmt ihn wahr und niemand befreundet sich mit ihm. Da wird sein Gang zu einer einzigartigen Körperkunst. Wie Nägel stechen die Lebenslagen durch sein Fleisch und verharken sich bis zur Bewusstlosigkeit mit seiner Aufmerksamkeit. Seine Gedanken kreisen durch die Luft und schwirren wie in einem Ritual um ihn herum. Der Weg wird zu einem symbolischen Tod und verleiht seinem Leben Ohnmacht.
Bevor er mit den Füßen vom Boden abhebt, legt sich sein Oberkörper nach vorn und zieht mit feurigem Eifer den Körper nach oben. In seinem Blick markieren sich rote Kreuze und erscheinen an Stellen an denen er viele Stunden am Wegesrand saß.
Weitere Fleischerhaken verteilen sich gleichmäßig über den Oberkörper und auf den Beinen. Langsam beginnt sein Körper mit jedem Schritt zusammenzuzucken. In den nächsten zehn Schritten kann er kaum noch die Oberhand über seine Bewegungen behalten. Die Gedanken rasen um ihn herum und bereiten seine schwersten Meter vor. Die Fleischerharken und Schnüre schnellen wie die Gedanken aus dem Nichts hervor und legen eine Richtung fest. Noch kann er weiter.
Vor seinen Augen werden die Kreuze zu vielen roten Punkten und grenzen ihn ein. Aber er kennt seinen Weg. Der Körper hat schon viele Narben. Die Schnüren und Haken ziehen an und lassen sein Gesicht vor Schmerz entgleisen. Sein Körper pumpt jetzt Adrenalin und Cortisol durch sein Fleisch. Alle Muskeln des Rückens zerren nach Innen und sein Herz setzt in Pausen aus. Das Herz schlägt so schnell, dass das Blut durch die Gefäße schießt und sie verengen.
Die Haut wird unsäglich schwer und sein Atem wird schneller und flacher. Der Körper überhitzt und er wird in diesem Moment von Gedanken durchdrungen. Unruhe und Nervosität übermannen ihn und er lächelt wie ein Bessener. Kaum wahrnehmbar bereisen körpereigene Opiate seinen Körper. Der Rausch wirbelt seinen Geist fort und nimmt die Gedanken mit.
Ohne Geist kann er nicht mehr weitergehen und die Sonne legt seinen Körper auf den Boden nieder. Aber der Geist, der fliegt weiter und wirbelt um die Welt.

JD

Sonntag, 9. Juni 2013

Lebenszeit


Sie gibt am Anfang, bis zum Ankommen
Im Geben verweilt sie bis zum Gehen
Sie gibt bis er da ist und verweilt in Starre
Und wartet auf den Moment, denn er kommt zu spät
Alles für ein gerechtes Gleichgewicht in langen Jahren

Denn die Tage müssen bunt sein
Sie müssen erkranken und gesunden
Verbrennen im lichterlohen Feuer bis in eisige Starre
mit Dunkelheit verschatten und im Licht auf ein Ziel weisen
alles für den Gleichklang in schwindenden Stunden

Die Wartezeit muss in Geduld enden
Muss gegeben werden und mit Wahrheit belohnt,
Denn die Treue zur verharrten Minute
Bringt einen um den Betrug und erhellt mit Erleichterung
Für eine gehaltene Spannung im Strom der Zeit

Denn Leben gibt Farbe und Blässe
Es macht heiter und nimmt den Frohsinn
Bringt Krankheit und lässt die Seele genesen
Mit brennendem Feuer und Eiseskälte der Jahreszeiten
Versteckt in Dunkelheit und Licht
Für die gerade Haltung und den erhobenen Kopf

In ihm fallen die Menschen, weil das Leben nichts gibt
Es beflügelt Seelen durch einen warmen Stoß
Es verlässt die Menschen, weil es versagt
Es krönt Menschenhäupter, weil einer siegen muss

Leben muss die Menschen begießen
Sie überfüllen und leeren
Muss verwüsten und die zarte Seele begrünen
Und Herzen ergänzen, zerbrechen und zusammenfügen
Im Spannungsfeld der Welt, in konstanter Geschwindigkeit gedreht
Solange die Erde weiterzieht, gibt er den Morgen, der die Menschen weckt
und die Dunkelheit, die ihre Träume auffängt

JD

Nackt im Frühling


Er ist gerade aufgewacht und viele Gefühle tragen ihn aus dem Bett. Sofort sucht er die Nähe zum Küchenfenster und trifft auf einen blauen Himmel und zwei Vögel auf seinem Baum im Vorgarten. Die Sonne scheint und die Vögel singen ein Frühjahrslied für ihn. Sie fluten ihn mit beschwingter Stimmung und wirbeln seine ganzen Gefühle durcheinander. Er liebt den Frühling. Immer wieder und immer wieder bis zum Ende. Er verliebt sich jedes Jahr.
Wenn er ins Bett geht, zieht er ihn ins Träumen und wartet bis zum nächsten Morgen. Er denkt viel an den Frühling. Der Frühling nimmt sich ausreichend Zeit und legt seine Müdigkeit ab. Mit ihm fängt die Sommerzeit an. Er spricht nicht viel. Im Frühling sagt der Körper alles. Allein und nur für den heutigen Tag widmet er ihm seine ganze Zeit.
In MV dauern die Monate zu dieser Jahreszeit länger und die Konten sind leerer als anderswo im deutschsprachigen Raum. Die Container sammeln Essensreste und Flaschen. Während er in der Küche sitzt und um 11.30 Uhr seinen Kühlschrank leer frühstückt, grübelt er über seine Pläne am Tag nach und denkt, wo kann ich heute hin? Durch das Fenster grüßt ihn die Sonne gelb ins Gesicht, während er in Zeitlupe sein trockenes Brötchen zum Mund führt. Das Brötchen ist so alt, dass es beim Reinbeißen, die Zähne in den Kiefer drückt und trotzdem zu Staub zerfällt.
Aber die Kaffeetasse füllt ihn heute Morgen mit Leben an.
Spontan springt er von seinem Stuhl auf und ruft: Es ist Frühling, die Natur macht Kunst. Da biete ich mich doch als Aktmodell an.
Schnell reißt er sich sein T-Shirt über den Kopf und zieht ruckartig seine Hose runter. Vor der Unterhose macht er kurz Halt, weil ihm warm wird. Er denkt, das liegt bestimmt an der Sonne, wenn ich rot werde. Seine Hütte steht am Rand der Kleinstadt und liegt in der Nähe eines Waldes. Daher dreht er sich schnell herum und stürmt zur Haustür. Leider vergisst er seinen Schlüssel, denn ohne Hose hat er keinen Platz mehr bei ihm. Das bemerkt er nach dem Zufallen der Haustür und entscheidet für sich, dass er ohne Kleidung kein Haus braucht. Er kann ja in den Wald. So viel Grün braucht viel Zeit zum Wachsen.
In MV gehen viele in den Wald. Sie spazieren mit oder ohne Kleidung, Picknicken, Jagen oder leben im Wald. Die Waldbewohner sind alte Gesellen, die dem Boden verhaftet blieben. Sie haben Kumpels mit denen sie auf Bänken sitzen und Bier trinken. Neben dem Baumgrüppchen, liegen viele Seen und noch mehr bewirtschaftete Felder mit Monokulturen. Die Straßen führen über weite Strecken. Umliegende Dörfer oder Städte werden erst dann erreicht, wenn die Hoffung schon aufgegeben wurde, im anderswo anzukommen. Viele Ruinen und geisterhafte Plätze mit Müll finden sich unverhofft auf unbewohnten Flächen. Das macht ihn traurig.
Aber jedes Jahr schenkt ihm der Frühling einen Farbenrausch. Er appelliert an die Natur und sie wuchert unversehens alles voll. Und bringt die Liebe zurück. Alles fängt von vorne an und wird bunt verkleidet. Licht fällt in die Welt und man geht nicht mehr alleine spazieren.
Er fliegt in die Luft und erreicht nicht mehr den Verstand. Der Körper berührt wieder die Welt und er erkennt sich wieder. Er steht unter der Sonne und denkt an das Leben. Er kann wieder hinhören und weinen. So viel Licht lädt zum Verreisen und Tanzen ein. Der Frühling hat ganz viel Ahnung von der Liebe und weist den Weg in den Sommer.
Glücklich über die Wärme in und um seinem Körper kann er weiter fort und mit der Natur zusammen sein. Lange sehnte er sich nach bunten Farben und Heiterkeit. Er möchte schauen, wie weit die Pflanzen hochtrieben.
Von einem zum anderen Baum gerät er weiter in den Wald. Die Baumkronen werden dichter und wollen ihm kein Licht mehr geben. Die Sonne hat Schwierigkeiten seinen nackten Körper weiter zu wärmen. Die Dunkelheit schluckt mit ihrem tieferwerdenem Schwarz seine wilde Gefühlswelt. Mit der Kälte kommen die Probleme und er spürt die spitzen, kalten Steine des Bodens. Kanten gebrochener Äste bohren sich in seine Fußsohle und schneiden ihn die Haut auf. Seine Augen verlieren ihren Glanz und können ihn in der Dunkelheit nicht mehr leuchten. Das beklemmt ihn und macht ihn gefühlsleer. Aber ihm Wald gibt es Lichtungen, die sind wie ein Paradies. Mit wenig verbliebener Energie findet er dorthin. Nach dem Wiedersehen mit der Sonne klopft aber endlich wieder sein Herz und er sammelt mit seinem Blick Liebesbekundungen des Frühlings ein. Das Grün der Wiese, die bunten Farben der Blumen und der Duft von Leben. Nur wie findet er wieder aus dem Wald heraus?

JD