Dienstag, 30. April 2013

Das Blut an seinen Händen


Seine Herkunft war für ihn eine Folter, die nie endete. Aber der Gemarterte wird über sie siegen und sein Gefühl der Schande begraben. Das verrinnende Leben an seinen Händen war nicht von ihm. Er hatte das Blut eines anderen vergossen. Er war unfähig seinen Tyrannen unverdrossen gegenüberzustehen und brauchte die Hoffnungslosigkeit, um seine Feigheit niederzuschlagen.
Das Blut an seinen Händen rauschte in seine Gedanken und war von einem anderen. Er hatte es sich angeeignet und einverleibt. Der erstochene Tyrann beutete ihn aus und alles was der Gemarterte wusste war von seinem Vater. Der Mut, den er in seinen Gedanken mit sich trug, war von ihm. Er war bei ihm als Dichter seiner Wege und vernichtete seine Wut. An seinem Grabe dankte er ihn dafür. Er zerstörte mit der Tat die Rachegelüste der Stadt und verblieb als Held in der schweigsamen Nacht.
Er vergoss das Blut eines anderen und brauchte keine Gier. Mit der Tat holte er  Gefühle in sein Leben zurück. In den letzten Jahren lag er oft auf der Streckbank des Tyrannen. Bis heute konnte er noch nicht den Widerstand in sich erzwingen. Er wurde geboren und zum Teil einer Lebenslethargie. In den einsamen Zeiten der vergangenen Jahre tanzte er im Wald und suchte nach Ästhetik. Er fand keine Wege aus den Gegebenheiten und wollte nicht ewig sein. Sein Schmerz fand keinen Fluchtpunkt und verquoll ihm die Augen. Er hatte keine Sicht mehr und war blind.
Die Vögel vertrieben im Frühling mit ihrem Gesang die bösen Gedanken und gaben ihm mit einem Tusch Kraft für den Widerstand. Das Schicksal spielte für ihn keine schöne Symphonie. Die Angst vor der Hölle heizte von innen seinen Lebensmut. Er beschädigte seine Zukunft und sah mit klarem Verstand, dass er so nicht weiterkonnte. Er wollte nicht mehr Untertan und dem Wahn des Tyrannen ausgesetzt sein. Ohne die Macht der Gegenwehr wurde er ihm zugeteilt und erlag seinem Regiment. Im Terror der langen Tage dachte er sich seine Zukunft aus, um Voranzuschreiten. Er verlor sich in anderen Divisionen und tat im Erdachten seiner Seele weh. In den Nächten im Wald rief er Schlachtrufe, die ohne Widerhall zwischen den Bäumen verschwanden.
Auch die Kräfte fehlten ohne die Stärke anderer. Somit hatte er die Zeit vertan und konnte nicht in die Welt der Realität wiederkehren. Ein Verräter wie er, bekennt sich zum Glück anderer. Sie taten ihm Leid an, denn sie ließen sein Rufen durch die Stadt verhallen. Sie ignorierten seine flehenden Worte und traten ihm dennoch gegenüber. Ohne Kraft bat er, verlasst mich nicht.
In den einsamen Stunden glaubte er nur an den Zweifel. Er hing sich an den Zorn, aber zauderte vor der Tat. Die Zweifel zerrissen seine Seele und gaben ihm eine Uniform. Alles stemmte er gegen den Zwang, in der Verzweifelung sich zügellos dem Drang einer Teufelstat hinzugeben. Seine Seele war unbefangen und frei von Bitterkeit. Seine heißen Tränen wuschen sie immer wieder rein. Die Zeit wurde schwerer und bleiern und führte in die Ziellosigkeit. Keine Zwischenstufen gaben ihm den Weg nach oben frei. Sein wachsender Widerstand war äußerst zerbrechlich und schmolz ohne Willen im Feuer des Tyrannen wie Wachs.
Da floh er in die weit entfernten Sphären seiner Zweifel und verlor sich in der Unfassbarkeit. Seine Zähne zermahlten seine Zerknirschung über die Untat. Er klappte im versammelten Kreise seiner Wegbegleiter zusammen. Die Zerrüttung durch seine Gefühle vernichtete seine wage Existenz. Von ihm wird es keine Meisterwerke geben. Seine Zeit war schon längst reif für ein Ende der Qualen. Kein Loch wird ihn verschlingen. Kein Wind in die Welt treiben und ohne Einvernehmen, weiter ohne Reue bleiben. In der dunklen Nacht züchtete er die Zweifel und nährte sich damit. Dann glaubte er, würde es wieder Leben geben. Von der Welt ausgesperrt, stürmte er die Schlösser der Nacht. Ungewollt flippte er aus und schaffte den Weg in dieses Haus. Er durchquerte breite, dicht bewachsene Zonen bis hin zu endlosen Sandwegen. Er suchte auf diesen Pfaden nach dem Meer. Denn es durstete ihn bei der Jagd, nach dem Lauf im Starrsinn.
Er durchstreifte die Wälder, das karge, freie Land und trieb an verlassene Strände. Eines Tages hieß er den Tyrannen willkommen und stillte sein Verlangen nach Zerstörung. In ihm herrschte ein flammendes Inferno. Er begann mit dem Tyrannen zu spielen und seine Herrschaft zu besingen. Er forderte ihn auf zu kommandieren, um klar zu sehen, welchem Sinn dieses Schicksal brachte. Er träumte fortan von der Vernichtung des Staates des Tyrannen. In ihm begann das Feuer ewig zu brennen und nichts konnte ihn mehr kühlen. Nun strahlte ein Licht von innen und zeigt seine Kraft dahinter. In ihm war kein nichts. Seine Seele war ein toniger Klang und dichtete auf das allerzärtlichste von der Vergangenheit. Seine dünne Stimme wurde zu einem tiefen Gesang. Es gab ihm.
Dieses Gift verlieh ihm die Gabe, um mit Freude in seinen Tagen, auch in die Nacht zu gehen. Die Selbstbeherrschung nahm ihn mit nach Hause und zeigte ihm den Weg in die Welt. Wer das Gift kennt und damit schläft wird den Lohn für seine Angstlosigkeit erhalten. Keine Gnade für den Tyrannen. Im bestärkten Verlangen verhalf keine Pause in den Schlaf. Er nahm das Gift mit Schwiegen fort.
Eines Tages im Winter kam er einer Aufforderung des Tyrannen nach und begab sich mit ihm auf die Fahrt in eine andere Stadt. Er sollte als Geleit mit ihm gehen. Während einer Pause stiegen sie aus und der Tyrann rauchte seine Zigarette. Der Gemarterte aber legte seine Hände in die dicke Schneedecke und kühlte sein Verlangen. Der Tyrann sprach zu ihm und nannte ihn seines Gleichen. Aus der Asche drang die Stimme seines Vaters leise an sein Ohr. Er glühte ihn heiß und er ging zum Tyrannen. Das Opfer wurde zum Henker. Er nahm das Messer, das beim Tode seines Vaters in seinem Herzen gefror und stellte sich zum Tyrannen. Er schrie mit einer unbändigen Wut wie ein geschlagenes Tier und schnitt mit einer Glasscherbe in den Bauch des Tyrannen.
Dessen Augen weiteten sich vor Schreck über den Anschlag. Er war sich seiner Macht sicher. Der Tyrann sank zu Boden und blieb auf den kalten Asphalt liegen. Der Gemarterte setzte sich auf eine Bank und besah seine Tat. Die Nacht war eisig kalt, aber in ihm blieb das flammende Inferno. Er verbrannte die Vergangenheit. Das Messer wurde zur Waffe aus seinem geschmolzenen Herzen. Er verantwortete die Tat, aber niemand wollte ihn in Haft nehmen. Noch immer schrie er seinen Schlachtruf und bekam keinen Widerhall. Aber das Lächeln in den Gesichtern der Bewohner seiner Heimatstadt gaben Dankbarkeit. Er verkündete, er sei kein Menschenkind, denn er kenne keine Reue für seine Tat.
Er befreite sich vom Gift. Er erhielt Gnade und den Lohn seiner Angst. Da ging er in den Wald, zum Schlaf für die Ewigkeit.

JD

Samstag, 27. April 2013

Im Stehen


Federnden Schrittes durchquert sie die Straßen der Stadt und bleibt völlig in sich versunken. Rasend ist der Gang und mit viel Leben bepackt. Hinter ihr wirbelt der verlassene Sand auf und verabschiedet sich mit einer imposanten Staubwolke.
Sie legt viel Weg zurück und nähert sich ihrem Heim. Da erblickt sie eine Freundin aus dem näheren Umfeld und ruft ihren Namen. Die Träumerin erhört den Ruf, aber nimmt die Worte nicht wahr. Geschwind verlässt sie, um eine Ecke gebogen, das Blickfeld der Freundin. Langsam erreicht der Sinn der Worte die Voranschreitende und veranlasst zum Innehalten. Die Vollbremsung führt ins Desaster, denn der Schwung reißt ihr die Tasche von der Schulter. Die Tasche bekommt einen Höhenflug und segelt an mancherlei vorbei. Ihre Begegnung mit einem Kleiderständer unterbricht aber den Freiheitsrausch. Von der Wucht des Flugs gefolgt, gibt es viele Wendungen um den Kleiderständer. Er ist für die Entsorgung auf der Straße platziert. Erleichtert verfolgt sie die zurückgelegte Flugbahn der Tasche und will sich ihr Eigentum zurückholen.
Der Schreck verleitet zum Stoppen und sendet die vormals vernommene Botschaft aus ihrem Gedächtnis ins Bewusstsein. Nun macht sie kehrt, was ihr nicht liegt und begibt sich in die Nähe ihrer Freundin. Mit den schwindenden Metern kommt die Nähe und endet in der Begegnung.
Am Ort des Zusammentreffens empfängt sie eine Menschenmenge. Ihre Freundin ist in Begleitung einer Masse an Leuten, die auch ihr sehr wohl bekannt sind. Langsam lichtet sich das Knäuel und ordnet sich in einer Reihe. Sie steht jetzt einer Geraden gegenüber und begrüßt noch lange jeden einzelnen. Es hält stark auf, denn eine Reihe gibt keinen Blick auf den Horizont frei.
Nach der Begrüßung folgen zahllose Fragen. Um Rede und Antwort stehen zu können, erhebt sie den Zeigefinder und fordert zur Rede auf. Auf jede Frage weiß sie Antwort und berichtet von ihrer inneren Seelenlandschaft. Wie schön die Blumen sind, wie hell die Sonne scheint und grün das Gras ist. Sie schildert die Berge und Täler, den Strand und das Meer. Sie bebildert mit reichlich Farbe. Die Leute erstaunen über soviel Schönheit und blicken sich nun um. Sie ahnen nicht was sie verbirgt. Sie spricht nicht von der Wüste, den dunklen Höhlen und Stolperfaden. Keiner fragt nach der Regen- und Trockenzeit, so bleibt alles auf einer anderen Karte geschrieben.
Nach Beendigung der Fragestunde fällt ihr Geist durch die Anstrengung der Schauspielerei vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf. Sie wird zur Stehenden und verlässt die Welt. Manchmal lebt sie lieber auf einem anderen Planeten. Sie bemerkt nicht die abnehmende Personenzahl. Die Menschen gehen ohne sich umzudrehen und lassen sie im Stehen zurück. Da fällt ihr plötzlich die zunehmende Kälte auf und Verlustängste erfassen sie. Der Mensch braucht Wärme zum Leben.
Die Ängste schnüren ihren Geist und fesseln sie an Ort und Stelle. Jede Bewegung ist eingeschränkt und verhindert eine Handlung. Da kommt der Regen und prasselt auf sie ein.
Der Regen ist ein sozialer Bursche, der alle toleriert. Nie unterscheidet er die Art der Menschen und macht alle gleichermaßen nass. Fleißig reinigt er die Welt und gibt dem pflanzlichen Bewuchs Leben. Die Sorgen spült er fort und befreit von Starre. Bei Regen verlieren alle ihre innere Ruhe und wollen eilig fort. Jeden plagen die gleichen Umstände. Der Regen macht sie alle nass!
Das führt zu zahlreichen Begegnungen unter schützenden Dächern. Man kommt ins Gespräch, denn der Regen ist bei jedem mit dem Durchnässen der Kleidung erbarmungslos. Schimpfend treffen die Seelen auf Andersgesinnte. Sie werden vereint. Die neue Nähe wärmt durch die Enge und erschafft eine Welt, in der alle Platz finden.
Das befreit auch unsere Voranschreitende und drückt auf ihr Gaspedal. Da saust sie weiter und verliert sich in der vorbeiziehenden Welt. Nie wieder legt sie den Rückwärtsgang ein.

JD

Sonntag, 21. April 2013

Moment vor dem Einschlafen


Sie sitzt einem traurigen Stück von sich gegenüber und versucht mit dem Blick im Wesen des Raumes zu lesen. In dieser Nacht drückt sie der Tag tief in die muffigen karierten Kissen, aus einem Jahrzehnt vor ihrem Rollen in die Welt und Kriechen ans Licht. Mit tiefer Anspannung verfolgt ihre Neugier die roten Muster am anderen gemauerten Abschluss des Raumes. Nach der erfolglosen Spurensuche im Rot, misslingt ihr auch der Versuch, die Antwort im Gegenpart zu finden. Sie wählt das Blau. Es riss sie aber schmerzlich in die Tiefe. Wo man kein Ende erkennen kann, fehlt auch der Mut zu suchen.
Die Fülle der Wand versteckt die Leere des glattes Putzes darunter. Die Makel wurden getilgt und zu einer grauen Einheit begradigt. Menschen verfolgen immer Linien und gerichtete Strecken, um sich so scheinbar der Sicherheit gewahr zu sein, auch einem Zweck oder Ziel gedient zu haben.
Diese ganzen Verwirrungen sind so stark verflochten, dass durch fehlende Entscheidungskraft nur das Chaos bleibt. Sie atmet stoßweise mit geöffneten Augen, während ihr Blut so stark durch die engen Gefäße des Körpers pumpt, dass es als Klopfen im Raum wahrnehmbar ist. Klirrend fallen Kristalle aus ihren Augenwinkeln und schlagen hart auf den Holzfußboden auf. Die Wucht des Aufschlags gräbt eine Delle hinein. Fest wird der Biss auf ihre Unterlippe und sie sticht ein Loch in ihr warmes Fleisch, das verblasst und zum Rinnsal ihrer Abtropfflüssigkeit wird. Die Handhöhle fängt als Kelch die Säfte.
Alles beginnt in einem anderen Rhythmus zu schwingen und sich zu verändern. Begegnungen führen zu Explosionen und lösen gewaltige Eruptionen der Qualen aus. Kurzzeitig flackern Gedanken auf und schießen ziellos als lodernde Pfeile in die Nacht. Bebend zieht sich der Brustkorb zu Krämpfen zusammen und löst Knoten auf. Die Augenlider schieben sich schwer über die toten Gefangenen in den knöchernen Augenhöhlen und verschließen boshaft den Zugang zur Realität. Gelähmt rutscht der Kiefer auf den Brustkorb und der Hals fühlt sich nicht mehr in der Verantwortung der stützenden Position und ergibt sich nach einem rückwärtigen Aufbäumen dem gesicherten Fall nach vorne.
Die Schulterblätter erschlaffen und die Hände suchen Halt auf den Oberschenkeln. Die Füße verlieren an Bodenhaftung, beginnen über die polierte Glätte des Holzbodens in großen Kreisen auseinanderzugleiten, wie es an Eleganz nur ein Eiskunstlauf zeigen kann und einen senkrechten Startflug Richtung Coachtisch. Die graue Socke am linken Fuß verschlingt jedoch während des Höhenflugs in einer kraftvollen Umarmung mit dem großen herausragenden Nagel des alten fünften Brettes im Boden und verhindert die weitere Reise.
Alles endet in Bewegungslosigkeit.

JD

Freitag, 12. April 2013

Auf dem Stuhl


Für HJ

Den Magen voller Steine hockt sie nach der Anklage auf dem Stuhl ihrer Schande. Ihre Finger schubbern über die raue Oberfläche des Tischchens vor ihr. Schmerzvoll schieben sich die spitzen Steine über die Magenwand und zerstören jeglichen Hunger auf den Tag. Sie bauen die weiche Materie ab und schieben sie in ihr Innerstes fort. Sie stapeln sich auf, um alles abzubauen. Durch die schwere Nachricht des Tages gesellen sich immer spitzere Gewichte dazu. Sie drehen unermüdlich ihre Runden. Es brennt und zieht in ihrem Magen.
Um sich vom Schmerz zu befreien, benötigt sie eine Ablenkung. Also verfolgt sie die rauen Linien des Holztischchens und schneidet mit den spitzen Kanten der Holzrisse in ihre Fingerkuppen. Tief, ganz tief werden die Schnitte mit zunehmendem Druck und erhöhter Schnelligkeit. Bis zum Ausfluss von Blut und Zerfetzen der Haut.
Da überkommt sie eine Idee. Verliert sie ihre Fingerkuppen, verliert sie einen Bestandteil ihrer einzigartigen Identität. Wäre sie niemand besonders, wäre sie jedermann. 
Immer schon sagte man ihr, wie sie zu sein habe. Also ganz anders als sie ist und was sie zu tun habe. Also anderes zu tun, als sie durchführt. Ihre Art sei immer ein Stück zu weit links und viel zu weit in den Wolken. Sie müsse zurückfinden zu der Welt der Gleichgesinnten und -gestellten. Sie dürfe nicht alles sehen, wie sie wolle. Sie müsse sich in der Meinung anderer wiederfinden. Sie dürfe nicht beobachten wie ein Luchs und sich auf ihren Verstand besinnen, denn der spinnt. Man habe bemerkt sie sei außerhalb der Welt der Gleichgesinnten und –gestellten. Dort müsse sie unbedingt hinfinden.

Wie könne sie aber diesen Weg beschreiten?
Es gelte Regeln zu befolgen, Strukturen zu übernehmen, sich angemessen zu orientieren. Nur wer in Strukturen denke, ganz schlüssig und eloquent geschildert, dürfe öffentlich und laut seine Meinung verkünden. Das verstünde sich von selbst. Der Denkende ist ein Meister seines Faches und der Führende auf seinem Gebiet. Er bestimmt das Spiel. Er agiert als Lehrender und fordert Folgsamkeit von den letzten Rängen und denen ganz weit Draußen, außerhalb seiner Zuständigkeit. Am Rande bekomme man nicht alles mit und verliert sich in der falschen Welt. Menschen am Rande verwildern. Die Akustik ist schlechter und das Gesagte erreicht so nicht seinen Zweck.
Man müsse willig sein seinem Job zu leben und der Allgemeintheit zu dienen. Keine Päuschen für die Seele oder das Gemüt. Die Mühen der Tage zermartern den Geist. Die Bestimmung liegt in der vorgegebenen Bahn. Der Kindergarten habe gemeistert, die Schule erfolgreich abgeschlossen, die weitere Ausbildung blendend hingelegt und der Job angemessen erledigt zu werden. Alles unter dem Durchschnitt ist ein bewegloses Rad im System. Es blockiert und schleift. Für das eigene Wohlbefinden richtet man sich auf der geraden Strecke ein, fährt und hält nicht mehr an. Niemand steigt ein oder wird unterwegs mitgenommen. Schablonen werden gebastelt und vorgelegt. Interessant ist, wer es sagt.
Die Wissenden sind die Thronenden. Sie regieren mit mächtiger Hand und können vom Wesen her nicht infrage gestellt werden. Ihr Gefolge ist eine Armee. Nicht kämpfend, aber bewaffnet.

Wohin gehören nur die Randbewohner? Steht ihnen auch ein Reich zu?
Ihr Revier sind andere Planeten. Sie schweben hoch hinaus und agieren als freie Wesen. Niemand kann zerstören, was allein ihnen gehört. Sie wehren sich mit frecher Art gegen das anfeindende Volk und gehen lieber Umwege, denn es verspricht ihnen mehr Erfolg. Die Reise ist länger, aber das Ziel am Ende größer. Sie sammeln eifrig alle Blicke in die Weite und lassen die anderen Reisenden ihren Weg bewerkstelligen. Sie werden nicht überwältigt oder ausgebremst. Hier gibt es nur Honigfallen.

Aber kann sie in die Welt der Gleichgesinnten und- gestellten zurückfinden, wo sie schon lange gegangen ist?
Sie mag die Luft am Rande, denn in der Masse wird sie dünner. Ihr gefällt nicht, wenn man ihr diebisch den Atem nimmt. Auch ist es nicht ihre Sache sich mit Ellbogen an anderen entlangzuschieben und in der Mitte zu stehen. Ihr ist es zu warm und zu eng. Lieber hat sie Raum sich zu entfalten und wild zu tanzen. Sich geschwind zu drehen und vielleicht umzufallen. Ihre Arme hochzureißen und um Dinge zu kreisen. Sie liebt es ihren Blick schweifen zu lassen und abzusägen, was ihr nicht beliebt. Sie bohrt sich gern tief in ferne Dinge und sucht nach dem Kern. Dem Licht zu folgen und viele Wege zu gehen, hat sie gern. Sie begehrt das Schweben mit den Wolken und das Spüren von Leben auf der Erde.
Es ist ein Vergnügen für sie weise auf Steinen zu sitzen und Bäume zu zählen. Sie verirrt sich gerne in fernen Wäldern und fährt durch dichte Wiesen. Niemand kann ihr folgen, denn sie bricht immer als erstes auf. Zurückbleiben mag sie gar nicht gern. Als erste zu laufen und durch Türen zu gehen, erfordert Mut und der ist ihr gegeben.
Sie kann sich ohne Blick nach unten in tiefe Schluchten stürzen oder die Welt umsegeln. Besonders liegt ihr gut hinzuhören und auf den Rhythmus der Welt zu achten. Auch Riechen kann sie so manch einen Duft. Sie unterscheidet nicht zwischen Guten oder Schlechtem. Wahrnehmen ist ihre Obsession.
Und das Fühlen. Fühlen mit feinen Sinnen. Das Streichen der Winde auf ihrer Haut, die rauhen und glatten Flächen der bewegungslosen Dinge, die Wärme und Kälte der Zeiten und die Freuden und Schmerzen der Lebenden. Das alles kommt von einem Individuum.
Sie will nicht besonders sein.
Keine Exotin in der Mode.
Keine Ausnahme mit Verstand.
Keine Spezialität mit wahrem Talent.
Keine Außergewöhnliche mit Geschmack.
Kein volles Glas Charme und Unterhaltung.
Keine Originelle mit Humor. Keine Limitierte mit Tiefsinn.
Sie wollte einfach Teil eines Ganzen sein. Einfach ergänzen ohne Grenzen.
Doch Grenzen werden ihr gesetzt. Gerade Grenzen engen sie ein, denn sie ist eine die Umwege beschreitet und als erste durch die Tür geht. Sie kann nicht jemand anderes sein, denn eine Grenze ist geschlossen und bewacht. Will man sie überschreiten, bezahlt man mit dem Leben.

JD

Durch manche Tür geht man, zu mancher Tür wird man gewiesen und auf mancher Tür steht geschrieben, wie man sie passieren kann

Sonntag, 7. April 2013

Am richtigen Ort


Das musste raus!

Zu jeder Zeit trugst du mich an die richtige Stelle. Du hattest mich hingestellt und aufgebaut. Geduldig vertieftest du dich in die Bauanleitung, um alles richtig zu justieren. Alle Einzelteile hattest du ausgepackt und sorgfältig sortiert. Nebeneinander lagen sie, bereit zur Verwendung. Alles hattest du genau betrachtet, damit du verstehen konntest, wieso das Konstrukt hielt. Es versprach zusammenzugehören.
Du hattest nie viel gesprochen, denn im Lesen lag deine Stärke. Ordentlich auf dem Tisch geparkt, hattest du die Seiten der Bücher zaghaft umgeschlagen. Ungläubig verfolgtest du die Zeilen und in deinem Blick lag eine zunehmende Bewunderung. Du strotztest vor Manneskraft und hattest deine Gefühle verschlossen. Da fing dein Herz zu schmerzen an und schlug im unruhigen Takt. Die Ärzte begannen zu schimpfen und gaben dir manchen Rat. Die Besserung kam nicht und hüllte dich weiter in Schweigen. Unverbesserlich wie du warst, wolltest du deine Nächsten schützen.
In dem du deine Sorgen verborgen hieltest, konnte niemand traurig sein. Deine Stärke war das Zugpferd der Familie. Du hattest ein Nest gebaut. Tief grubst du dich in die Erde und sichertest für alle ein Stück Eigenheim. Die Fläche hattest du begradigt und ein stabiles Fundament gegossen. Sicher hattest du eine feste Mauer aufgetürmt und gabst deiner Familie ein schützendes Dach.
Traurig machte dich das Feuer von deinem eigenen Fleische gegen deine schützende Hand. Er verband sich mit dem Hass in teuflischer Manier und wütete keifend gegen dich. Deine kluge Art rettete der Familie den festen Stand. Nun wuchs ein kräftiger Baum. Die blühenden Äste hattest du begrüßt wie ein stolzer Mann. Beruhigend sprachst du auf alle ein, wenn der Sturm das Haus zum Schütteln brachte. Du riefst, das Fundament habest du gegossen, die Mauern eigenhändig hochgezogen und das Dach selbst erklommen. Du würdest deine Wirkungsstätte kennen, nichts könnte sie davontragen.
Du warst die fest verankerte Wurzel und gabst allem Halt. Ein Kämpfer im Sturm, standfest im Regen, gegen den Himmel strebend im Sonneschein. Und weil du stetig alle kräftigste, zog das Leben aus den Wurzeln in die Äste. Sie gingen schön auf und erstreckten sich über weite Flächen. Auch Fehler hattest du einfach einwachsen lassen. Deine Größe ließ neben dir nichts zu Tage kommen. Du warfst einen gewaltigen Schatten, dem nicht viel gewachsen war. Aber einiges hatte Kraft und umschlug deine gesamte Breite. Es gab dir die Sicherheit richtig platziert zu sein. Du saugtest nicht das Leben aus dem Grund, sondern nahmst was du brauchtest. Es schlug sich nieder in deiner wahren Größe. Du konntest den Wolken nicht folgen, aber dem grauen Himmelszelt hattest du getrotzt. Die Äste und neuen Zweige mussten weiterwachsen.
Im gewaltigen Stamm pulsierte das Leben. Das Wasser floss in die richtigen Enden und die Äste vertrugen die gegebenen Nährstoffe. Da das Leben die Kraft mit der Zeit raubte, weil du alles gabst, kam der Tag an du nicht mehr wachsen konntest.
Das Gewicht der Äste forderte ihren Tribut. Sie waren fest mit dir verbunden, aber benötigten nicht mehr deine Stärke. Da kam der Tag an dem du gehen musstest.
Die Sonne schien nur für dich, für einen gebührenden Empfang. Sie lud dich zu sich ein, an ihrer Seite zu verweilen. Du behieltest den Blick auf deine angestammte Stelle. Du konntest einfach nicht mehr pumpen, aber dein festgesetzter Anker kann für die Ewigkeit bleiben.
Die Äste waren stark und die Zweige streben noch nach oben. Noch bleibst du unerreicht. Danke für den Platz im Leben und die Sonne, die immer wieder scheint.

JD

Wie ich sein wollte II:


34. entflammt
35. fest verwurzelt
36. das Ende eines langen Weges
37. eine haltende Stütze
38. im Rausch
39. verborgen am Grunde eines Sees
40. federleicht
41. gewichtig
42. ein fester Entschluss
43. ein Horizont
44. ein Lichtblick
45. eine große Nummer
46. ein wichtiges Spiel
47. ein Wegweiser
48. eine feste Größe
49. an erster Stelle
50. gut platziert
51. genau die Mitte
52. symmetrisch
53. unverkäuflich
54. unersetzbar
55. ein Höhenflug
56. verankert
57. ein Punkt im Kreis
58. in Schwingung versetzt
59. überfüllt
60. abgeholt
61. eine leere Kiste
62. ungebremst
63. verzerrt
64. vollendet
65. der Puls der Zeit
66. ein luftleerer Raum

JD

Lachen bis nächtens


Auf dem Weg zum Kreativdirektor der Seele durchschritt der Gemarterte einen langen, von zurückgelegter Strecke, hallenden Schlauch. Nach dem Eintritt in das Büro des Tyrannen zog schmerzhaft gleißendes Licht über die, aus den Höhlen gepressten, Augen des Gemarterten. Ruckelnd schoben sich die Augenlider über die innere Wüste und zogen Falten zu den Mundwinkeln. Das linke Augenlid fächerte kraftvoll die linke Gesichtshälfte zusammen und legte eine Zahnreihe im erhobenen Mundwinkel frei.
Ermattet sackte sein Körper nach vorne und der Blick wanderte Hilfe suchend nach dem rettenden Stuhl, um den Körper sicher vor den Fall zu wahren.
Zwanghaft stützte der linke Arm den schlingernden Körper und navigierte durch ein Nachgeben des Ellenbogens den Oberkörper nach vorne, erzwang ein Aufgeben der Knie und ließ alles in einem Plumps auf das warme Holz des Stuhls enden. Aus dem Loch, der sich im Mundwinkel bildete, schob sich ein Stöhnen und forderte ohne großes weiteres Bemühen, das Gegenüber, zum Anblick des Gemarterten auf.
Unsicher legte sich die linke Hand des Gemarterten auf sein linkes Knie und die rechte Hand glitt hinter den Rücken zum Stützen an der Stuhllehne. Die Flucht  des Oberkörpers durch eine gedemütigte Seele nach vorne und hinten wurde verhindert. Gefangen durch den Trick des Tyrannen konnte nur die direkte Konfrontation mit dem Gegenüber erfolgen.
Mit Tss- und Nee-Lauten, außerdem Kopf schüttelnd untermalt, begann das Herz den Oberkörper in Vibration zu versetzen. Der Blick senkte sich. Aber nur aufrecht konnte der Feind besiegt werden. Vor Anstrengung benommen hangelte sich der Blick am gewaltigen hölzernen Schreibsekretär empor zu den aufgeschlagenen Textseiten des Gemarterten. Die Hand des Tyrannen besaß langgliedrige Finger und lag auf den gelisteten Punkten. Die Schande äußerste sich nicht nur in zahllosen Bemerkungen des Tyrannen an den breiten Seitenrändern und luftigen Abständen im Text des Gemarterten, sondern die Unfähigkeit wurde auch in Kaligraphie gelistet.
Langsam flog der Zeigefinder des Tyrannen über die glänzenden Worte der Tinte und brannten sich als Mahle in das Herz des Gemarterten.
Die Luft wurde dünner, denn alle Lebenskraft lag für den Gemarterten in seinen gedruckten Worten. Stunden und Geschichten, Liebe und Hass, ein Teil seines Lebens wurde nicht in Zeit aufgewogen.
Vor die Augen des Gemarterten schob sich die Finsternis und durch einen Schleier prasselten die Worte des Tyrannen. Das Schwert wurde durch Worte erhoben, sauste nieder auf das Haupt des Gemarterten und schnitt die Ohren ab. Die Korrektur des Tyrannen wurde zum Dolch, bohrte sich in den Hals und drehte als Ventil den Atem ab.
Die Texte des Gemarterten seien frei von Gedanken. In den Worten werde klar, dass das Denken gänzlich fehle. Wie stehe der Gemarterte dazu?
Der Gemarterte antwortete, ohne Denken wäre eine Meinung nicht zu erwarten. Der Tyrann sagte die Sätze des Gemarterten seien mühsam, grauenvoll die Interpunktion. Ob er nicht auf Word höre?
Seine Gedanken seien eine einzige, gerichtete Strecke ohne Quervernetzung.
Der Gemarterte antwortete, wenn Gedanken gerade laufen und zwar nur parallel, könnten sie nicht quervernetzten. Alles in Reih und Glied. Er achte nicht auf Wenden. Für die Indoktrinationen eines Systems fehle ihm ein angeborenes Soldatentum.
Der Tyrann schrie erbost, dass müsse sich ändern. Aber der Gemarterte sah nicht die Wende, denn er bliebe immer auf der geraden Strecke.
Nun müsse der Gemarterte erwachsen werden, führte der Tyrann das Gefecht fort und blitzte mit den Augen.
Da schrak der Gemarterte hoch und drückte den Rücken durch. Er fand wieder Haltung und erwiderte, diese Meinung sei gedankenlos. Es gab schon Tage an denen er alles dachte und nichts zu Papier brachte.
In seinem Körper stieg Feuerwerk auf und trug ihn ein Lächeln ins Gesicht. Im Nu löste sich eine Salve Lachen bis in die nächsten Nächte.
Der Tyrann fing im Zorn Feuer und rannte gegen die Wände. Sie blieben kalt.
Morgen war auch noch ein Tag. Mit gleißender Sonne und wenigen Worten.

JD

Was für Zwischendurch


Wer auf meine Seite zu Besuch kommt und bleibt, dem serviere ich wöchentlich einen Augenschmaus. Ihr wisst wo, da bleibt für mich die Wahl wann. Wochenende! Das Leben muss mich erst mal kriegen, damit ich es mit Worten abschütteln kann.
Es gibt viele Leute mit Allergien, was zu Hautirritationen und Atemnot führen kann. Geschwächte Herzen können zeitweise aussetzen und bei Augen besteht die Gefahr, dass sie starr werden.
Um die Speisekarte kennenzulernen gibt es jetzt einen Snack. Auf das er mundet und ihr nicht satt werdet.
Im folgenden ein besonderer Text. Ich hoffe er stößt nicht sauer auf oder verdirbt den Appetit auf mehr. Der erste Text, den je einem anderen Augenpaar unter die Linsen schob. Den ganz wenigen Menschen, denen ich ihn zu lesen gab, danke ich für ihren Mut mich noch einmal von einer anderen Seite kennenzulernen. Ich danke euch für eure lautstarke Meinung und kräftigen Worte. Für euch hat so Mancher und Vieles eine Daseinsberechtigung. Die Ansprüche, die ihr an andere stellt, können sich sehen lassen. Da ich mich bei der Auseinandersetzung über die Texte verstecke, fehlt mir zu sagen: Danke. Danke fürs Bleiben und Mitgehen. Meine Danksagung bleibt schlicht. Aber in der Einfachheit liegt die Eleganz.

JD

Samstag, 6. April 2013

Wie ich sein wollte:


        1.     eine tragische Heldin
        2.     eine knallige Farbe
        3.     eine gute Frage
        4.     eine interessante Antwort
        5.     ein offenes Buch
        6.     eine erste Adresse
        7.     ein reißender Fluss
        8.     eine weisende Hand
        9.     eine letzte Zigarette
      10.     ein tiefer See
      11.     ein rauschendes Meer
      12.     ein schöner Klang
      13.     ein tiefe Schlucht
      14.    ein gemeißelter Gedanke
      15.     ein erhellender Grund
      16.    ein waches Auge
      17.    ein gespielte Gitarrenseite
      18.    eine unüberwindbare Mauer
      19.     eine Sternstunde
      20.     eine starre Säule
      21.     eine runde Sache
      22.     ein Spiegel
      23.     eine unendliche Zeit
      24.     eine bleibende Erinnerung
      25.     ein wärmendes Getränk
      26.    eine Schlagzeile
      27.    eine feste Wohnanschrift
      28.    eine offene Tür
      29.    der Wind
      30.    ein betörender Duft
      31.     eine bleibende Sache
      32.     eine verlässliche Quelle
      33.     ein unbeschriebenes Blatt

JD






Der Weg vom Schild zur Schaufensterscheibe


Schwenk nach rechts, Kopf nach links gedreht und Schritt nach vorne. Seine Aufmerksamkeit wurde flugs durch ein Donnern auf ein niedrig geschraubtes Parkplatzschild für Behinderte gelenkt. Seine linke Hand legt sich schlagartig auf die pochende Stirn und erdrückt in Sekundenschnelle den Schmerz, der umso schonungsloser sein Bleiberecht einfordert. Erbost über die freche Hand, schiebt er sie in die Hosentasche und lässt sie dort zur Strafe stecken.
Mit gespitzten Lippen saugt er in einem Anfall von Wahnsinn ungefiltert die Stadtluft in seine Lungenflügel und stößt in der Hoffnung den Schmerz wegzupusten, heftigst die gleiche Menge gegen das Schild. Die verbrauchte Luft geht, aber der Schmerz bleibt.
Hilflos verselbstständigt sich der linke Fuß und wirbelt in der Luft herum, da den zu bedrängenden Gegenstand durch eine schmale Taille für ungeübte Kämpfer schwer beizukommen ist. Während des Rückflugs kann durch viel Glück und ein wenig Ungeschick, der leblose Kontrahent unter der Gürtellinie mit dem Knöchel gestreift werden. Da der Knöchel schon immer unter den cholerischen Anfällen des Fußes zu Leiden hatte, wehrt er sich gegen diese erzwungene Gruppendynamik mit schmerzvollen Aufschreien in dutzenden Intervallen. Die Genugtuung bleibt aber nicht aus, da das Schild unter der Kontaktaufnahme zu leiden hat und in Schwingung versetzt wird.
Über die ungeschnierte Art sich anderen in den Weg zu stellen und auf eine so dreiste Weise sich selbst anderen aufs Auge zu drücken, verärgert, nimmt er nun Abstand vom Schild.
Es verleitet ihn zu einem erneuten Schwenk, mit Kopf, nach rechts und Schritt nach vorne. Eine lange Strecke blubbert er noch über die Unverschämtheit und grämt sich arg. Doch dann passiert etwas Wundersames. Im Rhythmus der pochenden Stirn, hebt sich der vormals gebeugte Oberkörper und federt auf den Beinen ab. Sein Körper wird ganz lang und dann gebeugt. Seine Haut dehnt sich und reist dem unendlichen Auf und Ab hinterher. Die Bewegungen lassen die Gedanken mit Schwung nach oben fliegen und schicken den Schmerz in den Boden. Da aber die Gedanken leichter fliegen, als der Schmerz abfallen kann, gerät der ganze Körper in einen unruhigen Takt. Alles schlägt jetzt aus der Bahn und seine anfänglich zaghafte Euphorie über die beginnende Wende wird bitter enttäuscht. Sein Körper wird immer dichter zum Boden gepresst und der federnde Schritt wird zum schlurfenden schwerfälligen Fallen von einem auf den anderen Fuß. Die Kräfte lassen nach und der cholerische linke Fuß bockt. Er verweigert sich der Arbeit umgehend und stürzt den ganzen Ablauf des Bewegungssystems. Ein Stein erkennt die Situation und sorgt als alter Freund des aufrechten Ganges für ein Straucheln des Körpers.
Der schmerzhafte Schlag gegen den großen Zeh blockiert ein Anheben des Fußes und wirft den Körper durch ein Ungleichgewicht an eine kalte Schaufensterscheibe.
Die verbannte Hand bleibt zum Trotz in der Hosentasche verborgen und die rechte Hand zeigt sich ihr solidarisch. Mit der Stirn voran begegnet er bereits der kalten Scheibe. Nach dem Plonk der Stirn, gesellen sich ein Knack der Nase und Platsch der Wange dazu. Die Lippen, geschmeidig wie Gummitiere, geben schnell unter dem Druck von außen nach und umschmeicheln bereits die Fensterscheibe.
Als sich nun auch alles Gewicht des Körpers in diese Begegnung hineinlegt, gibt er auf und überlässt sich dem Schicksal.
Da ruft der Schmerz seine Gefährten und bemächtigt sich in der Überzahl seinem geschwächten Körper.
Als Kämpfer, der er immer war, sammelt er seine Kräfte und ballt sie fest zusammen. Mit der Gewissheit über die Einheit seiner Kräfte, die über Jahre hinweg insgeheim ein Bündnis knüpften, kann der Macht bessene Feind vor Ehrfurcht nur die Flucht ergreifen. Dort wo er herkam, verschwindet der Schmerz über alle Enden und berstet die Scheibe.
Der Befreiungsschlag schwächt Körper und Geist und an der zugerichteten Scheibe sackt sein Körper Richtung Boden. Empfangen wird er von einem grünen Nest. Die Grashalme bereiten einen gerichteten Empfang zur Seite. Dankbar über die Güte krümmt sich sein Körper und rollt sich ein. Knie gegen Stirn, Hände um Schienbeine.
Am Ende seines Weges findet er ein Heim und Zuflucht an einem paradisischem Fleck, umgeben von kaltem Stein. Die Sehnsüchte erfüllen sich unerwartet, wenn man den Schmerz vertreibt.

JD 

Freitag, 5. April 2013

Warum ich schreibe, wenn mich doch keiner fragt


Ihre Hände gleiten flink über die Tastatur. Zwanghaft müssen alle Beobachtungen und Gedanken protokolliert werden. Sie listet alles auf, um Neuem Platz zu geben. Emsig schreibend, vergisst sie sich in den wachsenden Zeilen und erstickt ihre lodernde Wut. Sie verfasst Texte so schnell wie ein niederbrennender Strohballen. So sauer sie auch aufstößt, so lichterloh sie auch brennt, niemand kann sie sehen und ihre im Qualm erstickten, röchelnden Laute wahrnehmen.
Mit zerreißendem Schmerz fließt der Druck als unaufhaltsamer Strom und sticht in den Magen.
Sie ist unfähig sich mitzuteilen, weil keiner mehr hinhören möchte. Sie kann in Worten nicht geben, was die Gesellschaft von ihr einfordert. Daher werden für sie gesagte Worte zur Säure. Noch nie gelang ihr kunstvoll zu Schauspielern, so enden alle Worte im Karneval der Mimik und Zirkus der Gesten. Peinlich wird die Akrobatik und die Menschen beginnen sie zu verlassen. Sich selbst nicht Einheit gebietend, wird sie nicht mitgerissen.
Nun bleibt ihr noch festzuhalten, was sie nicht sagen und erzählen kann. Weil sie alles aufschreibt,  kann sie nichts mehr Mitteilen. Jetzt sucht sie nach einem Weg Dazusein. Sie wählt keinen Sport, weil sie Brüllen spießig findet und geht auch nicht zum Kochkurs, weil sie zu gut Essen kann. Sie überlegt sehr lange und die Lebensjahre türmen sich hinter ihr auf. Da erschreckt sie und sieht, dass die Jahre sie quietschend Richtung 30 schieben.
Nun entscheidet sie sich für keine Botschaft, sondern zur Ernte ihrer Qualen. Sie pflügt, sät, gießt und pflückt.
Sie holt Informationen ein und erfährt, in der Cyberwelt darf jeder sich einen Platz nehmen und braucht nichts zu geben.

JD
Leute hört mich rufen! Ich will keine schreibende Tyrannin mimen, ich will Kunde geben vom Leben.
Immer Haltung bewahren!

Am Ende landet Sch.... immer auf dem Papier!


Hier möchte ich einen bunten Haufen Texte versammeln, die auf die Schnelle geschrieben, aber im Laufe der Zeit ausgedacht wurden.
Ich will diese Einzelkämpfer zusammensetzen. Sie können aber auch nebeneinanderstehen und sich gegenübersitzen. Ohne System schmeiße ich euch die Kollegen auf den Bildschirm.
Während die Texte der Ordnung strotzen, stehen die Wörter in Reih und Glied und folgen brav aufeinander. Zusammen beweisen sie einen starken Teamgeist und geben ein gutes Bild ab.

Von wem sollen aber nur diese Texte kommen und was steht geschrieben?
Die Texte gingen durch den TÜV und sind solide aufgebaut. Als Hobbybastlerin kann ich aber nicht mehr dazu sagen.
Beim Schreiben verliere ich oft den Sinn und entschuldige mich infolge des abhandengekommenen Verstandes für die Nachlässigkeit bei der Orthographie und Interpunktion.
Das Geschreibsel hat einen gut gehenden Wortklang und obgleich ich keinen Sponsor für das Schreiben habe, fülle ich gerne mal mit kombinierten Buchstaben eine leere Seite.

Die Texte entstehen in Kooperation mit dem Leben. Alle enthaltenen Menschen und vorbeisausenden Planeten in meinem Kosmos gilt ein herzliches Dankeschön.
An alle gequälten Seelen, die für diesen gewissen Zweck unbeabsichtigt eine Performances gaben, gedenke ich in mancher Zeile. Leute an meiner Seite und in der Nähe sind weiterhin mit mir bestens beschäftigt und verlangen meine Anerkennung. Auch euch, ein Dankeschön. Danke fürs Bleiben!

JD