Samstag, 27. April 2013

Im Stehen


Federnden Schrittes durchquert sie die Straßen der Stadt und bleibt völlig in sich versunken. Rasend ist der Gang und mit viel Leben bepackt. Hinter ihr wirbelt der verlassene Sand auf und verabschiedet sich mit einer imposanten Staubwolke.
Sie legt viel Weg zurück und nähert sich ihrem Heim. Da erblickt sie eine Freundin aus dem näheren Umfeld und ruft ihren Namen. Die Träumerin erhört den Ruf, aber nimmt die Worte nicht wahr. Geschwind verlässt sie, um eine Ecke gebogen, das Blickfeld der Freundin. Langsam erreicht der Sinn der Worte die Voranschreitende und veranlasst zum Innehalten. Die Vollbremsung führt ins Desaster, denn der Schwung reißt ihr die Tasche von der Schulter. Die Tasche bekommt einen Höhenflug und segelt an mancherlei vorbei. Ihre Begegnung mit einem Kleiderständer unterbricht aber den Freiheitsrausch. Von der Wucht des Flugs gefolgt, gibt es viele Wendungen um den Kleiderständer. Er ist für die Entsorgung auf der Straße platziert. Erleichtert verfolgt sie die zurückgelegte Flugbahn der Tasche und will sich ihr Eigentum zurückholen.
Der Schreck verleitet zum Stoppen und sendet die vormals vernommene Botschaft aus ihrem Gedächtnis ins Bewusstsein. Nun macht sie kehrt, was ihr nicht liegt und begibt sich in die Nähe ihrer Freundin. Mit den schwindenden Metern kommt die Nähe und endet in der Begegnung.
Am Ort des Zusammentreffens empfängt sie eine Menschenmenge. Ihre Freundin ist in Begleitung einer Masse an Leuten, die auch ihr sehr wohl bekannt sind. Langsam lichtet sich das Knäuel und ordnet sich in einer Reihe. Sie steht jetzt einer Geraden gegenüber und begrüßt noch lange jeden einzelnen. Es hält stark auf, denn eine Reihe gibt keinen Blick auf den Horizont frei.
Nach der Begrüßung folgen zahllose Fragen. Um Rede und Antwort stehen zu können, erhebt sie den Zeigefinder und fordert zur Rede auf. Auf jede Frage weiß sie Antwort und berichtet von ihrer inneren Seelenlandschaft. Wie schön die Blumen sind, wie hell die Sonne scheint und grün das Gras ist. Sie schildert die Berge und Täler, den Strand und das Meer. Sie bebildert mit reichlich Farbe. Die Leute erstaunen über soviel Schönheit und blicken sich nun um. Sie ahnen nicht was sie verbirgt. Sie spricht nicht von der Wüste, den dunklen Höhlen und Stolperfaden. Keiner fragt nach der Regen- und Trockenzeit, so bleibt alles auf einer anderen Karte geschrieben.
Nach Beendigung der Fragestunde fällt ihr Geist durch die Anstrengung der Schauspielerei vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf. Sie wird zur Stehenden und verlässt die Welt. Manchmal lebt sie lieber auf einem anderen Planeten. Sie bemerkt nicht die abnehmende Personenzahl. Die Menschen gehen ohne sich umzudrehen und lassen sie im Stehen zurück. Da fällt ihr plötzlich die zunehmende Kälte auf und Verlustängste erfassen sie. Der Mensch braucht Wärme zum Leben.
Die Ängste schnüren ihren Geist und fesseln sie an Ort und Stelle. Jede Bewegung ist eingeschränkt und verhindert eine Handlung. Da kommt der Regen und prasselt auf sie ein.
Der Regen ist ein sozialer Bursche, der alle toleriert. Nie unterscheidet er die Art der Menschen und macht alle gleichermaßen nass. Fleißig reinigt er die Welt und gibt dem pflanzlichen Bewuchs Leben. Die Sorgen spült er fort und befreit von Starre. Bei Regen verlieren alle ihre innere Ruhe und wollen eilig fort. Jeden plagen die gleichen Umstände. Der Regen macht sie alle nass!
Das führt zu zahlreichen Begegnungen unter schützenden Dächern. Man kommt ins Gespräch, denn der Regen ist bei jedem mit dem Durchnässen der Kleidung erbarmungslos. Schimpfend treffen die Seelen auf Andersgesinnte. Sie werden vereint. Die neue Nähe wärmt durch die Enge und erschafft eine Welt, in der alle Platz finden.
Das befreit auch unsere Voranschreitende und drückt auf ihr Gaspedal. Da saust sie weiter und verliert sich in der vorbeiziehenden Welt. Nie wieder legt sie den Rückwärtsgang ein.

JD

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen