Sonntag, 7. April 2013

Am richtigen Ort


Das musste raus!

Zu jeder Zeit trugst du mich an die richtige Stelle. Du hattest mich hingestellt und aufgebaut. Geduldig vertieftest du dich in die Bauanleitung, um alles richtig zu justieren. Alle Einzelteile hattest du ausgepackt und sorgfältig sortiert. Nebeneinander lagen sie, bereit zur Verwendung. Alles hattest du genau betrachtet, damit du verstehen konntest, wieso das Konstrukt hielt. Es versprach zusammenzugehören.
Du hattest nie viel gesprochen, denn im Lesen lag deine Stärke. Ordentlich auf dem Tisch geparkt, hattest du die Seiten der Bücher zaghaft umgeschlagen. Ungläubig verfolgtest du die Zeilen und in deinem Blick lag eine zunehmende Bewunderung. Du strotztest vor Manneskraft und hattest deine Gefühle verschlossen. Da fing dein Herz zu schmerzen an und schlug im unruhigen Takt. Die Ärzte begannen zu schimpfen und gaben dir manchen Rat. Die Besserung kam nicht und hüllte dich weiter in Schweigen. Unverbesserlich wie du warst, wolltest du deine Nächsten schützen.
In dem du deine Sorgen verborgen hieltest, konnte niemand traurig sein. Deine Stärke war das Zugpferd der Familie. Du hattest ein Nest gebaut. Tief grubst du dich in die Erde und sichertest für alle ein Stück Eigenheim. Die Fläche hattest du begradigt und ein stabiles Fundament gegossen. Sicher hattest du eine feste Mauer aufgetürmt und gabst deiner Familie ein schützendes Dach.
Traurig machte dich das Feuer von deinem eigenen Fleische gegen deine schützende Hand. Er verband sich mit dem Hass in teuflischer Manier und wütete keifend gegen dich. Deine kluge Art rettete der Familie den festen Stand. Nun wuchs ein kräftiger Baum. Die blühenden Äste hattest du begrüßt wie ein stolzer Mann. Beruhigend sprachst du auf alle ein, wenn der Sturm das Haus zum Schütteln brachte. Du riefst, das Fundament habest du gegossen, die Mauern eigenhändig hochgezogen und das Dach selbst erklommen. Du würdest deine Wirkungsstätte kennen, nichts könnte sie davontragen.
Du warst die fest verankerte Wurzel und gabst allem Halt. Ein Kämpfer im Sturm, standfest im Regen, gegen den Himmel strebend im Sonneschein. Und weil du stetig alle kräftigste, zog das Leben aus den Wurzeln in die Äste. Sie gingen schön auf und erstreckten sich über weite Flächen. Auch Fehler hattest du einfach einwachsen lassen. Deine Größe ließ neben dir nichts zu Tage kommen. Du warfst einen gewaltigen Schatten, dem nicht viel gewachsen war. Aber einiges hatte Kraft und umschlug deine gesamte Breite. Es gab dir die Sicherheit richtig platziert zu sein. Du saugtest nicht das Leben aus dem Grund, sondern nahmst was du brauchtest. Es schlug sich nieder in deiner wahren Größe. Du konntest den Wolken nicht folgen, aber dem grauen Himmelszelt hattest du getrotzt. Die Äste und neuen Zweige mussten weiterwachsen.
Im gewaltigen Stamm pulsierte das Leben. Das Wasser floss in die richtigen Enden und die Äste vertrugen die gegebenen Nährstoffe. Da das Leben die Kraft mit der Zeit raubte, weil du alles gabst, kam der Tag an du nicht mehr wachsen konntest.
Das Gewicht der Äste forderte ihren Tribut. Sie waren fest mit dir verbunden, aber benötigten nicht mehr deine Stärke. Da kam der Tag an dem du gehen musstest.
Die Sonne schien nur für dich, für einen gebührenden Empfang. Sie lud dich zu sich ein, an ihrer Seite zu verweilen. Du behieltest den Blick auf deine angestammte Stelle. Du konntest einfach nicht mehr pumpen, aber dein festgesetzter Anker kann für die Ewigkeit bleiben.
Die Äste waren stark und die Zweige streben noch nach oben. Noch bleibst du unerreicht. Danke für den Platz im Leben und die Sonne, die immer wieder scheint.

JD

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