Sonntag, 21. April 2013

Moment vor dem Einschlafen


Sie sitzt einem traurigen Stück von sich gegenüber und versucht mit dem Blick im Wesen des Raumes zu lesen. In dieser Nacht drückt sie der Tag tief in die muffigen karierten Kissen, aus einem Jahrzehnt vor ihrem Rollen in die Welt und Kriechen ans Licht. Mit tiefer Anspannung verfolgt ihre Neugier die roten Muster am anderen gemauerten Abschluss des Raumes. Nach der erfolglosen Spurensuche im Rot, misslingt ihr auch der Versuch, die Antwort im Gegenpart zu finden. Sie wählt das Blau. Es riss sie aber schmerzlich in die Tiefe. Wo man kein Ende erkennen kann, fehlt auch der Mut zu suchen.
Die Fülle der Wand versteckt die Leere des glattes Putzes darunter. Die Makel wurden getilgt und zu einer grauen Einheit begradigt. Menschen verfolgen immer Linien und gerichtete Strecken, um sich so scheinbar der Sicherheit gewahr zu sein, auch einem Zweck oder Ziel gedient zu haben.
Diese ganzen Verwirrungen sind so stark verflochten, dass durch fehlende Entscheidungskraft nur das Chaos bleibt. Sie atmet stoßweise mit geöffneten Augen, während ihr Blut so stark durch die engen Gefäße des Körpers pumpt, dass es als Klopfen im Raum wahrnehmbar ist. Klirrend fallen Kristalle aus ihren Augenwinkeln und schlagen hart auf den Holzfußboden auf. Die Wucht des Aufschlags gräbt eine Delle hinein. Fest wird der Biss auf ihre Unterlippe und sie sticht ein Loch in ihr warmes Fleisch, das verblasst und zum Rinnsal ihrer Abtropfflüssigkeit wird. Die Handhöhle fängt als Kelch die Säfte.
Alles beginnt in einem anderen Rhythmus zu schwingen und sich zu verändern. Begegnungen führen zu Explosionen und lösen gewaltige Eruptionen der Qualen aus. Kurzzeitig flackern Gedanken auf und schießen ziellos als lodernde Pfeile in die Nacht. Bebend zieht sich der Brustkorb zu Krämpfen zusammen und löst Knoten auf. Die Augenlider schieben sich schwer über die toten Gefangenen in den knöchernen Augenhöhlen und verschließen boshaft den Zugang zur Realität. Gelähmt rutscht der Kiefer auf den Brustkorb und der Hals fühlt sich nicht mehr in der Verantwortung der stützenden Position und ergibt sich nach einem rückwärtigen Aufbäumen dem gesicherten Fall nach vorne.
Die Schulterblätter erschlaffen und die Hände suchen Halt auf den Oberschenkeln. Die Füße verlieren an Bodenhaftung, beginnen über die polierte Glätte des Holzbodens in großen Kreisen auseinanderzugleiten, wie es an Eleganz nur ein Eiskunstlauf zeigen kann und einen senkrechten Startflug Richtung Coachtisch. Die graue Socke am linken Fuß verschlingt jedoch während des Höhenflugs in einer kraftvollen Umarmung mit dem großen herausragenden Nagel des alten fünften Brettes im Boden und verhindert die weitere Reise.
Alles endet in Bewegungslosigkeit.

JD

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen