Freitag, 31. Mai 2013

Dein Rufen aus fernen Ländern


Dein bittender Ruf um Gnade fällt auf mich herab
getragen durch wilde Winde in Wirbel der Zeit
in der Luft gelöst und einzeln in Worte gefasst
herunter von Bergen, stehe ich im Schauer
durch Täler geflüchtet, erreicht mich die Qual
und weitergetragen fängst du mich im Stand.
Von geschwätzigen Mündern erfuhr meine Seele
aneinandergereiht deine Botschaft zum letzten Mal.

Hoch schwebt die Erinnerung an deinen Betrug,
als Stern am dunklen Himmel korrumpiertes du
unauffindbar im Sternengewimmel der Letzte.
Deine flüsternde Stimme verborgen im Licht
viel zu weit entfernt, erschreckt dein Ende
und leise gespielt, gewaltig als Welle im System

Die Flugbahn deines Rufes erstickt meine Macht.
Aus der Ferne adelt dieser Zwang deine Tat
durch weite Lüfte zerbricht die Gelegenheit,
über große Felder handelt die Möglichkeit
über breite Wiesen entsteht dein Regiment,
dringen ohne Geleit, deine Mitschuld vollkommen
in mein Schweigen der Freispruch in den Jahren
und formen Bitterkeit in der Abscheulichkeit

Sprich zu mir mit der Horde der Worte geöffnet,
ich höre zu, erkenne jetzt den Anteil der Blendung
und lausche der wahren Gestalt deiner Eroberung.
Das Schwingen deiner Stimme versteckt die Minderung
im Raum bis zu meinem Ohr gedenkst du keiner Ruhe,
durch viele Täler mit einer Behauptung an Größe
und hohe Dächer an die Seite gestellt im Letzen
für die Zeit verdient das Schicksal heilige Pflichten

Und alte Orte verwalten deinen frohen Mut,
auf der Flucht unaufdringlich das Ende zu sehen
sag mir leise stößt es glänzend klar an mich
deine Opfer und die Willkür als Gestaltung
Fluchtwege vor deinem Feuer, ich folge ihnen

Sprich mich nach Erlangen der Fülle an
ich höre zu, unterliege deiner Höhe
leg mein Ohr an deinem Grund ab
und spreche zu dir, lass ab der Übergriffe.
Mit gelöster Zunge ist die Verwirrung der Geist,
mein wunderschöner Gesang in der Irrung verletzt
für dich folgt mein Wesen der Verschleierung

Sing mich an, verwalte das gebrochene Elend
ich höre mich nach Beherrschung meines Reichs an
ich bete zu deinem Angesicht, bemächtige dich
über alle Sinne ist mein lebendiger Organismus
spricht meine Seele, gehe hinauf zur Willkür
mit Wahrhaftigkeit werde ich glücklich der Überhebung
und besinge deinen Terror, denn er ist aufrichtig.

JD

Weiß und Schwarz erzwingt Grau Teil 2: Gehetzt unter Grau


Im gehetzten Schritt gehen die Menschen die Straßen entlang, denn über ihnen brach das graue Himmelszelt. Sie sind innerlich unbeteiligt. Es ist falsch zu erwarten, dass ihnen bewusst ist, was eine Weltanschauung beinhaltet. Sie bekämpfen den Regen mit Mitteln, die ihnen in die Hände gegeben werden. In Wirklichkeit aber sind sie im ersten Schritt auf eine Empfindung angewiesen, derer sie sich nicht bewusst werden und die auf eine verfaulte Seele schließt. Denn wenn die Welt weint und sie ihr entgegen handeln, retten sie eine Lüge.
Sie betrügen sich um die Nähe der Natur, die uns regiert. So mächtig sind sie nicht, denn die Krebsgeschwüre haben Geduld und machen sich unbemerkbar. Nur deshalb gibt es gute Kräfte, damit sie diese Gedankenlosigkeit zurückhalten.
Mehr und mehr werden die Vorbeilaufenden. Die Krebsgeschwüre weichen in der Nässe und besudeln den ganzen Körper mit ihrem Gift. Die Köpfe verstecken sich unter Kapuzen wie in einem Kellerloch und begraben ihre Intelligenz, um ohne Licht und Wärme wie im Keim zu ersticken. Im Regen glauben die Vorbeilaufenden am Ende zu stehen. Jetzt ist aber der Moment Gleichgesinnte zu finden und sich aufzuklären. Der Wissende steht und gibt keine Ruhe, bis auch der Letzte sinnlose Kämpfer die Notwendigkeit der Niederlage einsieht und sich dem Naturgesetz beugt. Geht eine derartige Aufruhr durch die Stadt und sind so viele mit der Anstrengung abgemüht, die Natur abschütteln, versinken die Wissenden im Schrecken um das Ende.
Sie fällen kein Urteil über das Ende des Schauers. Aber wenn dieser hereinbricht, dann dient er der Heilung und reinigt vom Leiden, so wie die Sonne am Morgen die Nacht von der Dunkelheit befreit. Die Welt wird nicht erdrückt.
Es gilt nicht eine Verteidigung von den Vorbeilaufenden einzufordern, nein, denn an dieser Darbietung soll die Tatsache sichtbar sein, dass die Eroberung der Erde durch den Menschen auf bestialische Art den freien Geist tötet. Sie morden ihren Lebenssinn, weil sie nicht mit der Natur gehen. Sie verüben ein grauenvolles Verbrechen an sich selbst, wenn sie das Leben nicht besehen und erkennen wollen. Auch die Menschen sind Tiere.
Auf welche Art können die Menschen den Tagen begegnen, als Geschlecht, im Alter, in Arbeit, alles verschleppt ihren kämpferischen Verstand. Aber alle Vorbeilaufenden verfallen einer apathischen Gleichgültigkeit, das wie ein Verbrechen an der Natur anmutet. Tatsachen werden hingenommen, ein gefangener Schlaf genossen und gibt den Vorbeilaufenden Gelegenheit ihre Freiheit weiter zu töten.
Sie wirken in ihren Gefühlen verroht, während die Wissenden hell aufschreien und um erwachen bitten. Mit dem Wind verhallen aber auch die Rufe. Scheinbar ist es bestimmt, wenn der Geist nicht endlich protestierend auffährt, wird es weitere Opfer geben. Aber die Wissenden haben Mitleid und empfinden Mitschuld. So leiden die Vorbeilaufenden unter der Dunkelheit.
Alle sprechen sich frei von Schuld und schlafen von daher mit einem ruhigen Gewissen. Verfallen sie alle einer Lethargie, sind alle schuldig. Daher muss jeder an der Gestaltung der Welt teilhaben. Gleichberechtigt und frei.
Die Welt braucht für ein Gewissen wieder Ankläger. Sie braucht Sehende für die Kunst, Lebendige für das Notwendige, Beschützer für die Existenz, Geschichtenschreiber für das Vergessen.

JD

Dienstag, 28. Mai 2013

Fehlstunde

„Sie Fehlen!“ ist ihr letzter Satz.
Zwei Worte lassen ein Leben enden.
Vorweg die Verabschiedung in den schwarzen Himmel.

Aufgetürmt über blauen Gerinnsel
aber geschlossene Masse
in der frühen Gestaltung des Tages
zertrümmert ein Flügelschlag
die Wissenschaft

Es fliegt die Abende ohne Farben
setzt sich über türmendes Papier
und schließt sich ein in Schweigen
im grauem Meer.
Als wissender Studierender
sammelt er die Zeilen der Geschichtenschreiber
und legt seine Hände in blutige Tatsachen
einfach, beschützend
trinkt er die stille Stunde
und ergibt sich als Knecht der Harmonie.

Alle anderen
hetzen nach Konventionen
drängen in faltige Papierbündel
wie stille Bauten
oder Jäger im Versteck

Sie kreisen um Phrasen und betäubende Liebesakte,
so sind die Menschen in diesem Jahrzehnt.
Ein Vakuum
ein fester Charakter
in Uniform,
die nicht viele Jahre überdauert.

Lebensfragmente
Halbe Töne
Verlassene Häuser
Einfache Schreibe
und klägliche Gebete.

Wo bleibt der unvergängliche Eindruck?
Das politische Gesicht?
Die Fassung eines Manifestes unserer Generation?

Wo müssen wir hingehen?

JD

Frühlingsträume

Morgen ohne Träume
säumen seinen Weg in die Frühlingstage
ausgebrannt und betäubt, klagt seine Seele
kraftlos und erdrückt äußerst sein Mund
erhaben kämpfend fordert sein Geist
bricht er auf in den Frühlingsmorgen
gegen die Sorgenflut
und befeuert seine Liebesglut
bis das Herz Ja sagt

Morgen mit Träumen
lassen Wünsche zirkulieren,
mit dem Winde gehen,
Ängste überstehen,
in die Vergangenheit blicken
und nicht mehr nach großen Gedanken sehnen
sie forschen nach einem festen Stand
nach zielführenden Taten und wirbelnden Gedanken

Morgen im Frühlingsbann
treiben in einen Schwindel vor Verlangen
zentralisieren die Räusche
geben Kräfte im Wahn,
der Geist greift nach Wegen
festes Fleisch zu fassen
und wie ein Tier zu halten;
in ihr und im wir           
erkennt der Gebannte
seine Frühjahrsliebe beschrieben

JD

Sonntag, 26. Mai 2013

Vor dem Schafott


Nur wenig später liege ich in meinem Leid
im Schmutz langer Tage
ein verlassener Ort
die Guillotine wartet
am nächsten Tag

Stunden nach der Schande
liege ich wach
und sehne nach dunkler Nacht,
die beschützend ihren Mantel
um mein kümmerliches Dasein legt.

Steine türmen sich an meiner Seite
und brechen ein,
in den Grund.
Wartet auf mich, bevor ich versinke,
kommt mich holen.

Im Strom, die Verabschiedung
ohne Versöhnung, gehe ich in die Tiefe.
Nur sagen Worte nicht,
was mein kläglicher Gesang bewirkt
im Untergang.

Stelle ich mir vor, wie sehr
mein Haupt aufrecht geriet
gerad und selbstbewusst war mein Gang
mit Stolz bepackt, die Brust
doch vergraben mich die Wellen

Im hellen Schein träumte ich vom Glanz,
da lag ich nieder
und sagte Aufwiedersehn.
Es fiel die Klinge und nahm meine Würde,
aber mein Herz verströmte noch Wärme.

JD

Serie Weiß und Schwarz erzwingt Grau, Teil 1: Im Menschenmeer


Im Menschenmeer zieht ein rauschender, schwarzer Strom an den Personen entlang. Er berührt sie nicht und begegnet keinem Widerstand. Keiner übernimmt die Verantwortung sich der Materie zu widmen und erkennt nicht die dunklen Triebe in ihr. Sie ergeben sich der herrschenden Masse, in der jeder einzelne in Scham vor diesem Schauspiel versinkt. Welches Ausmaß kann eine solche Naturerscheinung annehmen, wenn sie ein Schleier im Blickfeld wird und unsere klare Sicht korrigiert. In dieser Sekunde wird ein Verbrechen an den wachen Verstand verübt. Die schwarze Materie ist nur ein Lückenfüller. Der Druck verleitet aber die Menschen in tiefsten Inneren aus Selbstschutz der Korruption zu verfallen. Ihr schwacher Widerstand verhindert eine abwehrende Handbewegung und leichtsinnig gewinnt der allgegenwärtige, schwarze Strom das Vertrauen der überwältigten Menschen. Keine Frage richtet sich gegen die Gesetze der Natur und gibt den Menschen seinen freien, eigenen Willen preis. Niemand greift ein und richtet alle in gelungene Bahnen. Die Aufforderung sich einer vernünftigen Entscheidung unterzuordnen, misslingt und alle Menschen ertränken ihre Sorgen, Weltansichten und Wünsche in vielen Flaschen Bier. Individualität entfällt beim Anblick des sichtbaren Zeitgeistes und feige winden sich die Körper umeinander, um Wärme zu spenden.
Alles erweckt den Anschein als sei die Nacht eine tragische Kulisse für eine vermischte Herde von Willenlosen. In ihnen herrscht kein festes Rückgrat, kein harter Kern, in ihrer tragischen Erscheinung bereiten sie den Untergang für die Wissenden. Die schwarze Masse hetzt über die leer gesaugten Körper und langsam bemächtigt ihre schonungslose Kälte, die Körper. Das Bild der Gefangenen in ihren Körper zeugt von einem Geist, den man verloren glaubte. Erst als man sieht, dass er gefesselt in ihnen daliegt, wird das Bewusstsein geweckt, den Menschen wird die Dunkelheit zum Verhängnis. Sehr wenige Wissende erkennen nun die Drohung im Verderben zu enden und kämpfen, in dem sie vor den Geistestod warnen. Über das Schicksal der Anwesenden haben nicht die Wissenden zu entscheiden, aber sie werden bleiben und berichten.
Nachdem wenige begonnen haben, warten die Gefangenen, dass jemand den Kampf anfängt. Daher rückt die Gefahr, dass erste in der Nacht für immer verschwinden, näher. Sinnlos wäre ihr Opfer. Daher rufen die Wissenden und fordern jeder Anwesende soll seine Verantwortung übernehmen und ein teures Mitglied im Sozialverbund werden, sodass man sich auch in den letzt möglichen Stunden wehren und gegenarbeiten kann. Leistet man mit einem starken Willen Widerstand, kann der Geist Feuer fangen und auflodern. Das trennt die Fesseln und besiegt die Dunkelheit. Es ist Zeit zu Stoppen und nicht sinnfrei Weiterzugehen. Das Blut muss kochen und den inneren Trümmerhaufen vernichten. Jeder verdient zu bekommen, was er erkämpft.

JD

Samstag, 18. Mai 2013

Gesehen


Du verfolgst die Bahnen meines fließenden Stroms
und kriechst entlang ihres Verlaufes
du umfängst meine traumlosen Nächte
da die Motte mit ihren Flügelschlägen die Lichter verschwärzt
du richtest dich wie ein Sperr vor den Tod
du Alleiniger ewigen Alterns und Abschiednehmens
am Halten, wenn das Leben tritt
leidest du weiter und weist in die Zukunft.

Erkanntest zu Beginn die hiesige Welt,
verschriebst dich der schnellen Änderung.
Ermattest vom Schein der Glückseligkeit,
da niemand sich an deine Seite stellt,
an der Tiefe, die Rührung zerrt
und eine Botschaft zeichnet ein Bild,
aus den Verborgenen entnommen
glühet tief ins Schwarz langer Nächte.

In mancher stillen Zeit denkst du Gerede ist ein Wäre im Vergessen
stand das Bild ohne Frage,
mein Wort vor deiner Hemisphäre
neben meinen Worten, von deinen besessen
zerstört mein Wort deine Hemisphäre
geschah ohne Verborgenheit im Vergangenen
und berührt kein altes Laster.

Im letzten Moment erstrahlen verlassene Räume
ein Windstoß trägt dich fort,
eine helle Farbe leuchtet zu den Ästen der alten Bäume
und bildet ein Schattenspiel
deine Blätter und Blüten durchbrechen die Kronen,
ohne eine Entfernung fragt er nicht
nach seiner Rolle im Schauspiel
und löscht das Licht ohne Erinnerung,
denn seine Worte schlagen aus seiner Hemisphäre in ihre nieder.

JD

Ein Frühlingsgefühl des Gemarterten


Der Tyrann zitiert den Gemarterten in sein Büro, denn das Gesicht des Tyrannen landete auf einer Betriebsfeier des Unternehmens auf seiner Faust. Jetzt versucht der Tyrann den Gemarterten mit verschiedenen Fragen aus der Reserve zu locken und zu einem Wutausbruch zu bewegen. Der Gemarterte will aber unter dem Tyrann weiterhin Arbeiten und die Nerven des Tyrannen spannen. Der Tyrann wendet sich mit einem wirren Fragenkatalog an den Gemarterten.
Tyrann: Was ist Ihr frühester Eindruck?
Gemarterte: Ich hatte Probleme vom Inneren meiner Mutter her durch den Briefschlitz zu rufen. Da legte ich Hand an und folgte dem schmalen Streifen Licht nach oben. Da hörte ich schon bald die hallenden Schritte weiß bekleideter Menschen. Ja, das weiße Licht brachte mich zum Blinzeln. Das bleibt für die Ewigkeit! Ich war ein ganz normaler Zweitgeborener. Ich schlief auf allen Seiten und empfand mein Dasein bewegungsfremd. Man konnte immer nur auf eine Seite rollen. Vielfach war ich munter oder schläfrig vom Schwindelgefühl des Hin- und Herrollens. Licht und Dunkelheit. Ab und zu gab auch noch das Zurückwalzen meiner Mutter.
Tyrann: Von Ihrem Arbeitsplatz, Sie Spinner?
Gemarterte: Eine präzise Frage fordert zu einer genauen Antwort auf. Eine Frage mit verschieden gesinntem Hintergrund ergibt eine unerwartete Erwiderung.
Tyrann: Beantworten Sie die Frage, Schlaumeier!
Gemarterte: Das Arbeitsfeld Ihres Hauses ist ein Navigationssystem durch die Zukunft des Kapitalismus. Wir fördern durch die Unterstützung der Globalisierung die Welt von morgen und werden so zu Krisenmachern. Wir helfen fleißig bei der Deregulierung der Finanzmärkte mit der Ausbeutung ahnungsloser Kunden mittels der Konzentration auf Anhäufung eines Reichtums für diesen Laden hier. Hunderte Kunden zahlen dafür persönlich Zeche. Globale Ausbeutung.
Tyrann: Sie sind also doch vom Fach. Links oder rechts?
Gemarterte: Verfolgt man das eine, wie das andere dreht man sich am Ende doch nur im Kreis.
Tyrann: Anders ausgedrückt sind sie für Schwarz oder Rot?
Gemarterte: Grün. Rot macht aggressiv und Schwarz traurig. Aber Politik bleibt für mich eine bunte Sache.
Tyrann: Würden Sie empfehlen unsere Produkte im Internet oder über einen Laden zu vertrieben?
Gemarterte: Ladenverkauf. Da erreicht man die richtigen Leute, die keine lange Liste Verbindlichkeiten einfordern. Alles kann gekauft, muss aber nicht eingekauft werden. Und am besten aus dem Automaten. Am allerliebsten im Automaten.
Tyrann lächelt feindlich: Was ist ihr Lieblingsbuch aus unserem Hause?
Gemarterte: Wenn meine Bücher nicht zur Hand sind, empfehle ich keine. Was zu Papier gebracht wurde, ist bis zum Verfall veredelt worden. Aber Naturbücher sind interessant. Da kann mal nachschlagen, was Tiere und Pflanzen so umtreibt.
Tyrann: Pflanzen umtreibt?
Gemarterte: Entschuldigung. Hochtreibt.
Tyrann: Fällt Ihnen denn spontan eine Autorin ein, deren Buch von uns verlegt wurde?
Gemarterte: Puh. Das kann ich mir nie merken. Die Namen klingen immer nach feministischen Krawallmacherinnen. Die schreiben ja immer so viele Bücher. Da macht die Zunge nicht mit.
Tyrann: Versuchen wir es mal mit der attraktivsten Frau?
Gemarterte: Da macht die Zunge mit, aber nicht das Gedächtnis.
Tyrann: Der erotischste Mann!?
Gemarterte: Da schaue ich gerne mal in den Spiegel.
Tyrann: Manchmal macht es mich traurig, dass sie Augen haben. Ich spring ständig herum.
Gemarterte: Ja. Ich höre besser als ich sehe. Wenn ich Sie sehe, habe ich blinkende Lichter vor den Augen.
Tyrann: Wann bin ich zuletzt bei Ihnen vorbeigehüpft?
Gemarterte: Nach meinen klingelnden Ohren zu urteilen, vor 14 Stunden nach der Betriebsfeier. Ich war voll auf Speed und Sie schlugen sich ein Loch in ihre obere Zahnreihe.
Tyrann: Wann gab es hier zuletzt Parties?
Gemarterte: Die durchgeplanten feierlichen Zusammenkünfte sind jedes Mal ein hübsches Arrangement der Arbeitnehmer. Man lernt sich besser kennen, landet in verschiedenen Schößen. Kommt sich so nahe, dass man Monate Abstand braucht und hält die flüchtige Beziehung voreinander geheim. Dann winken besser bezahlte Jobs bei schlechteren Verlagen mit mehr Tyrannen.
Tyrann: Seit dem Schlag nimmt Ihr Übermut zu. Sind sie sicher, dass er direkt mir galt?
Gemarterte: Mir ist egal unter wem ich leide. Jedem Tyrann käme ein Schlag zu.
Tyrann: Mhh. Empfinden Sie Ihren Arbeitsplatz als gemütlich?
Gemarterte: Bei Regen werde ich auf der Treppe nass und er vertriebt die Vorgesetzten. Aber der Dienstbotencharme des Flurs hat etwas Unterwürfiges. Es ist sicher, denn neben mir hängt der Feuerlöscher und der Zigarettendunst riecht kalt. Aber bei Sonnenschein ist es schön hell.
Tyrann: Lesen sie unsere verlegten Bücher?
Gemarterte: Nicht ohne Scham und zum Einschlafen. Da steht nie viel Sinniges geschrieben.
Tyrann: Das ist so nicht zu bewerten. Der Erfolg ist das Ergebnis einer Gemeinschaft. Die Autor/innen werden von uns begleitet und zum Schreiben angeregt. Alles quervernetzte Gedanken. Haben sie Probleme mit Mitarbeitern?
Gemarterte: Mit keinem. Ich benutze sie alle für die Fertigung meiner Arbeit und werfe sie dann zu ihrer zurück. Mir ist egal wer meine Arbeit umsetzt.
Tyrann: Ihre Arroganz und Ihr kaltes Lächeln sind verboten umwerfend. Langsam tauen Sie auf und fühlen sich wohl als Herr der Lage. Zeit für die gewichtigen Fragen. Schon mal hier mit einem Kollegen Sex gehabt?
Der Gemarterte ist schlau und lässt sich nicht austricksen: Das wird mir an dieser Stelle zu kompliziert.
Tyrann: Kopulation. Oder wie die Jugend formuliert: F...?
Gemarterte: Ich verstehe nicht recht. Wenn man genau bei Ihnen hinsieht, erkennt man rote Flecken in ihrem Gesicht und natürlich auf ihrer Couch, aber keine roten.
Tyrann: Das war kurz und dreckig von Ihnen gesagt. Glauben Sie mich zu Durchschauen?
Der Gemarterte denkt, noch gibt es keinen Kündigungsgrund: Auf der Party haben sie mich beleidigt und fuchtelten mal wieder wild herum. Da schlug ihr Gesicht in meine Faust. Sie gingen eine extrem komprimierte Nähe zu mir ein und vernichteten Ihre blanke Zahnreihe mit einem deutlichen Gestus meinerseits. Ich unterbaute meinen Standpunkt. Zerstören, was zerstört macht.
Tyrann: Was bedauern Sie daran?
Gemarterte: Ich bitte Sie! Ihr Ungeschick.
Tyrann: Sie machen Witze!
Gemarterte: Ich gebe eine klare Auskunft. Ich bin die Wahrheit, denn an jenem Tag war ich kein wilder Kreisel.
Tyrann: Aber die Einschuldigung!
Gemarterte: Die Pointe der Geschichte ist der finale Schlag ihrerseits, in meine Faust. Der eigentliche Sinn ist nicht mein Gewerbe.
Tyrann: Ja, sie sind kein Bildungsbürger, sondern ein Barbar!
Gemarterte: Aber auch kein Barbar. Der Bildungsbürger ist ein Barbar, denn er verfällt vor schwierigen Situationen in einen Dämmerzustand. Dann wird es blutig. Generell sprechen ich nicht zu denen, denn sie können nur predigen.
Tyrann beugt sich zum Gemarterten vor, da ihm das Thema wohl bewegt: Bin ich ein Prediger?
Gemarterte: Ja, denn Prediger sind mit sich voll und ganz einverstanden. Daher wollen sie andere bekehren. Ihr Kreiselverhalten war meine Unfähigkeit bekehrt zu werden.
Tyrann seufzt und nimmt von einem Lakaien einen Kaffee: Glauben Sie, ich bin einverstanden mit meiner Art?
Gemarterte: Ja, denn sie finden andere oft albern. Sie nehmen die Dinge viel zu ernst und meine Ernstlosigkeit hebelt ihre Welt aus den Fugen.
Tyrann: Nein. Ich finde sie sollten den Ernst Ihrer Lage erkennen.
Gemarterte: Ich kann ihre Ernsthaftigkeit nicht aushalten, ohne selbst ernst zu werden. Und so was ist schäbig. Ernsthaftigkeit ist ein Schwert der Niedertracht und das bringt die Gesellschaft zum Bluten. Sind Nichternste freundlich oder höflich, müssen Ernste diesen Gesetzmäßigkeiten nach unfreundlich sein.
Tyrann: Sprechen wir von meiner Einschätzung der Lage. Ich habe sie als Kandidat für den Job nie unterstützt. Meine Sympathie gilt nicht dem Außenseitern, die immer hinten sitzen und ihre Potenzial nicht nutzen. Das macht Sie lächerlich. Ich fordere als Ergebnis einen anderen Ton von Ihnen.
Der Gemarterte schläft beim langsamen Tonfall des Tyrannen ein und entspannt seine Nerven. Seine neumalklugen Verweise auf seine Gedankengänge erschöpften das Thema. Sein Ton wurde fortan elegant routiniert, aber nicht gefallsüchtig. Der Schalk blieb lieber im Nacken und seine Antworten waren nun harmlos. Man meint immer es käme schlimmer. Dem ist nicht so! Aber es ist schlimm, denn vor dem Verhör strahlten die Augen des Gemarterten von der Frühlingssonne.

JD

Samstag, 11. Mai 2013

Der Trinker im trautem Heim


Er sitzt in seinem Sessel, der am anderen Ende des Zimmers thront. Ein riesiger Ohrensessel mit einem 70iger Jahre Stoff bezogen. In seiner Hand liegt locker die über seinem Mittelfinger schwebende Zigarette. Sie wackelt hin und wieder unbeholfen nach oben und unten mit ihrem glühenden, bedrohlichen Ende. Seine Angetraute beobachtet skeptisch seine Antriebslosigkeit und bewundert seine trotzige Art. Gegen körperliche Arbeit und angeordnete Anweisungen wehrt er sich vehement. Er kann nicht ausführen, was man ihm aufträgt. Sein Körper wird unter Belehrungen schwer und träge. Er kippt in die horizontale Position und bleibt schwer wie Blei liegen. Ohnmächtig wird sein Geist, der sich in den Tiefen seiner Seele verliert.
Bereits als sie ihn kennenlernte war er ein untriebiger Grübler. Unbemerkt schlich er sich an den Menschen vorbei und studierte ihre Leben. Er fing die Menschen mit seinem wachen Verstand und analysierte ihr Verhalten. Ohne Aufsehen durchschaute er ihre Ziele und machte sich ihre Hilflosigkeit über seine einnehmende Art zu nutze. Geschickt konnte er sie für sich gewinnen, indem er ihre Aufmerksamkeit allein für sich beanspruchte. Er machte sich zum Mittelpunkt, an dem kein Weg vorbeiführt. Seine Sätze sind Befehle und Listen, beschrieben mit Folgeleistungen. Allmächtig schießt er mit Gedanken auf wunde Punkte und ermittelt den Schwachpunkt der Menschen. In kürzester Zeit wird er zum Herrscher ihrer Welt. Unfähig der Gegenwahr, verwurzeln sie auf der Stelle und verfolgen jedes seiner Worte mit Akribie.
Auch sie fing er in seinem gespannten Netz. Kaum merklich nimmt er sich, was ihm gefällt.
Er wartet in dunklen Ecken, um die Menschen gefangen zu nehmen. Lautlos blickt er sich nach seinen Opfern um. Studiert ihr Bewegungen und beobachtet ihre Mimik. Drehen sich die Menschen nach links, steht er rechts. Gehen sie nach vorne ist er unbemerkt hinter ihnen und geht ihren Schritten nach. Sie spüren seinen Atmen auf ihrem Nacken und die Wärme, die er ausstrahlt. Aber will er nicht gesehen, dann kann er nicht gefunden werden. Er riecht nach der Straße und dem Leben der Stadt. In ihrer Mitte lauert er auf mehr Spiel. Ein Süchtiger.
Er verpasst nicht das Leben, denn er ist mit ihm verwachsen. Im Leben wurzelt seine Kraft. Alle Energie saugt er aus den Menschen und hinterlässt eine leere Hülle.
Jeden Morgen geht er wieder in die Welt und ist auf der Suche mit schwächten Knochen. Sie knacken vom trockenen Alltag. Die Pflichten des Tages zermahlen den Geist. Die Muskeln brauchen warmes Blut und pochende Adern. Sein Studium treibt ihn in die Cafés und Kneipen der Stadt. Am Tresen benässt er für seine ausschweifenden Reden seine Kehle mit Bier. Nie zahlt er seine Bestellungen, denn er wäscht den Menschen den Kopf. Sie werden ihm untertänig und bewundern seine starke Sprache. Sie verteidigen seine Aufmerksamkeit gegen Eindringlinge und Lauschende. Sie betteln um Akzeptanz und streben nach seinem Wohlwollen.
Er ist ein guter Trinker. Ein lustiger Trinker. Ein eingefleischter Sitzender.
In der Kneipe scheint sein Licht am hellsten und lässt die Kneipenhocker erschauern. In ihrer Mitte ist sein Wort Gesetz. In seiner Nähe wird jeder zum Untertanen. Er gibt Ratschläge und führt Fragende auf Irrwege. Er erzählt Geschichten und berichtet von Interessen. Kein alter Seebär würde besser einen Erzählenden mimen als er. Die Nacht ist sein Geschäft. Die Straße sein Zuhause.
Aber bei seiner Frau, in seinem Eigenheim sitzt er mit einer Zigarette auf einem Sessel. Er liegt auf dem Bett, in dem Bett. Er liest ein Buch und blättert in der Zeitung. Er trinkt Wasser und isst das Essen seiner Frau. Er fragt nicht, er antwortet nur. Er bewegt sich in Zeitlupe. In seinem trauten Heim ist er kein leuchtender Stern. In seinem Heim ist alles bedeutungslos. In seinem Heim ist er der Schweigende.

JD