Der Tyrann zitiert den
Gemarterten in sein Büro, denn das Gesicht des Tyrannen landete auf einer
Betriebsfeier des Unternehmens auf seiner Faust. Jetzt versucht der Tyrann den
Gemarterten mit verschiedenen Fragen aus der Reserve zu locken und zu einem
Wutausbruch zu bewegen. Der Gemarterte will aber unter dem Tyrann weiterhin
Arbeiten und die Nerven des Tyrannen spannen. Der Tyrann wendet sich mit einem wirren
Fragenkatalog an den Gemarterten.
Tyrann: Was ist Ihr frühester
Eindruck?
Gemarterte: Ich hatte Probleme vom
Inneren meiner Mutter her durch den Briefschlitz zu rufen. Da legte ich Hand an
und folgte dem schmalen Streifen Licht nach oben. Da hörte ich schon bald die
hallenden Schritte weiß bekleideter Menschen. Ja, das weiße Licht brachte mich
zum Blinzeln. Das bleibt für die Ewigkeit! Ich war ein ganz normaler
Zweitgeborener. Ich schlief auf allen Seiten und empfand mein Dasein bewegungsfremd.
Man konnte immer nur auf eine Seite rollen. Vielfach war ich munter oder
schläfrig vom Schwindelgefühl des Hin- und Herrollens. Licht und Dunkelheit. Ab
und zu gab auch noch das Zurückwalzen meiner Mutter.
Tyrann: Von Ihrem Arbeitsplatz, Sie
Spinner?
Gemarterte: Eine präzise Frage
fordert zu einer genauen Antwort auf. Eine Frage mit verschieden gesinntem Hintergrund
ergibt eine unerwartete Erwiderung.
Tyrann: Beantworten Sie die
Frage, Schlaumeier!
Gemarterte: Das Arbeitsfeld Ihres
Hauses ist ein Navigationssystem durch die Zukunft des Kapitalismus. Wir
fördern durch die Unterstützung der Globalisierung die Welt von morgen und
werden so zu Krisenmachern. Wir helfen fleißig bei der Deregulierung der
Finanzmärkte mit der Ausbeutung ahnungsloser Kunden mittels der Konzentration
auf Anhäufung eines Reichtums für diesen Laden hier. Hunderte Kunden zahlen
dafür persönlich Zeche. Globale Ausbeutung.
Tyrann: Sie sind also doch vom
Fach. Links oder rechts?
Gemarterte: Verfolgt man das
eine, wie das andere dreht man sich am Ende doch nur im Kreis.
Tyrann: Anders ausgedrückt sind sie
für Schwarz oder Rot?
Gemarterte: Grün. Rot macht
aggressiv und Schwarz traurig. Aber Politik bleibt für mich eine bunte Sache.
Tyrann: Würden Sie empfehlen
unsere Produkte im Internet oder über einen Laden zu vertrieben?
Gemarterte: Ladenverkauf. Da
erreicht man die richtigen Leute, die keine lange Liste Verbindlichkeiten
einfordern. Alles kann gekauft, muss aber nicht eingekauft werden. Und am
besten aus dem Automaten. Am allerliebsten im Automaten.
Tyrann lächelt feindlich: Was ist
ihr Lieblingsbuch aus unserem Hause?
Gemarterte: Wenn meine Bücher
nicht zur Hand sind, empfehle ich keine. Was zu Papier gebracht wurde, ist bis
zum Verfall veredelt worden. Aber Naturbücher sind interessant. Da kann mal nachschlagen,
was Tiere und Pflanzen so umtreibt.
Tyrann: Pflanzen umtreibt?
Gemarterte: Entschuldigung. Hochtreibt.
Tyrann: Fällt Ihnen denn spontan
eine Autorin ein, deren Buch von uns verlegt wurde?
Gemarterte: Puh. Das kann ich mir
nie merken. Die Namen klingen immer nach feministischen Krawallmacherinnen. Die
schreiben ja immer so viele Bücher. Da macht die Zunge nicht mit.
Tyrann: Versuchen wir es mal mit
der attraktivsten Frau?
Gemarterte: Da macht die Zunge
mit, aber nicht das Gedächtnis.
Tyrann: Der erotischste Mann!?
Gemarterte: Da schaue ich gerne
mal in den Spiegel.
Tyrann: Manchmal macht es mich
traurig, dass sie Augen haben. Ich spring ständig herum.
Gemarterte: Ja. Ich höre besser
als ich sehe. Wenn ich Sie sehe, habe ich blinkende Lichter vor den Augen.
Tyrann: Wann bin ich zuletzt bei
Ihnen vorbeigehüpft?
Gemarterte: Nach meinen
klingelnden Ohren zu urteilen, vor 14 Stunden nach der Betriebsfeier. Ich war
voll auf Speed und Sie schlugen sich ein Loch in ihre obere Zahnreihe.
Tyrann: Wann gab es hier zuletzt Parties?
Gemarterte: Die durchgeplanten
feierlichen Zusammenkünfte sind jedes Mal ein hübsches Arrangement der Arbeitnehmer.
Man lernt sich besser kennen, landet in verschiedenen Schößen. Kommt sich so
nahe, dass man Monate Abstand braucht und hält die flüchtige Beziehung
voreinander geheim. Dann winken besser bezahlte Jobs bei schlechteren Verlagen
mit mehr Tyrannen.
Tyrann: Seit dem Schlag nimmt Ihr
Übermut zu. Sind sie sicher, dass er direkt mir galt?
Gemarterte: Mir ist egal unter
wem ich leide. Jedem Tyrann käme ein Schlag zu.
Tyrann: Mhh. Empfinden Sie Ihren
Arbeitsplatz als gemütlich?
Gemarterte: Bei Regen werde ich
auf der Treppe nass und er vertriebt die Vorgesetzten. Aber der Dienstbotencharme
des Flurs hat etwas Unterwürfiges. Es ist sicher, denn neben mir hängt der
Feuerlöscher und der Zigarettendunst riecht kalt. Aber bei Sonnenschein ist es
schön hell.
Tyrann: Lesen sie unsere
verlegten Bücher?
Gemarterte: Nicht ohne Scham und
zum Einschlafen. Da steht nie viel Sinniges geschrieben.
Tyrann: Das ist so nicht zu
bewerten. Der Erfolg ist das Ergebnis einer Gemeinschaft. Die Autor/innen
werden von uns begleitet und zum Schreiben angeregt. Alles quervernetzte
Gedanken. Haben sie Probleme mit Mitarbeitern?
Gemarterte: Mit keinem. Ich
benutze sie alle für die Fertigung meiner Arbeit und werfe sie dann zu ihrer zurück.
Mir ist egal wer meine Arbeit umsetzt.
Tyrann: Ihre Arroganz und Ihr kaltes
Lächeln sind verboten umwerfend. Langsam tauen Sie auf und fühlen sich wohl als
Herr der Lage. Zeit für die gewichtigen Fragen. Schon mal hier mit einem
Kollegen Sex gehabt?
Der Gemarterte ist schlau und
lässt sich nicht austricksen: Das wird mir an dieser Stelle zu kompliziert.
Tyrann: Kopulation. Oder wie die
Jugend formuliert: F...?
Gemarterte: Ich verstehe nicht recht.
Wenn man genau bei Ihnen hinsieht, erkennt man rote Flecken in ihrem Gesicht
und natürlich auf ihrer Couch, aber keine roten.
Tyrann: Das war kurz und dreckig
von Ihnen gesagt. Glauben Sie mich zu Durchschauen?
Der Gemarterte denkt, noch gibt
es keinen Kündigungsgrund: Auf der Party haben sie mich beleidigt und
fuchtelten mal wieder wild herum. Da schlug ihr Gesicht in meine Faust. Sie
gingen eine extrem komprimierte Nähe zu mir ein und vernichteten Ihre blanke
Zahnreihe mit einem deutlichen Gestus meinerseits. Ich unterbaute meinen
Standpunkt. Zerstören, was zerstört macht.
Tyrann: Was bedauern Sie daran?
Gemarterte: Ich bitte Sie! Ihr
Ungeschick.
Tyrann: Sie machen Witze!
Gemarterte: Ich gebe eine klare
Auskunft. Ich bin die Wahrheit, denn an jenem Tag war ich kein wilder Kreisel.
Tyrann: Aber die Einschuldigung!
Gemarterte: Die Pointe der
Geschichte ist der finale Schlag ihrerseits, in meine Faust. Der eigentliche
Sinn ist nicht mein Gewerbe.
Tyrann: Ja, sie sind kein
Bildungsbürger, sondern ein Barbar!
Gemarterte: Aber auch kein
Barbar. Der Bildungsbürger ist ein Barbar, denn er verfällt vor schwierigen
Situationen in einen Dämmerzustand. Dann wird es blutig. Generell sprechen ich
nicht zu denen, denn sie können nur predigen.
Tyrann beugt sich zum Gemarterten
vor, da ihm das Thema wohl bewegt: Bin ich ein Prediger?
Gemarterte: Ja, denn Prediger
sind mit sich voll und ganz einverstanden. Daher wollen sie andere bekehren.
Ihr Kreiselverhalten war meine Unfähigkeit bekehrt zu werden.
Tyrann seufzt und nimmt von einem
Lakaien einen Kaffee: Glauben Sie, ich bin einverstanden mit meiner Art?
Gemarterte: Ja, denn sie finden
andere oft albern. Sie nehmen die Dinge viel zu ernst und meine Ernstlosigkeit
hebelt ihre Welt aus den Fugen.
Tyrann: Nein. Ich finde sie
sollten den Ernst Ihrer Lage erkennen.
Gemarterte: Ich kann ihre
Ernsthaftigkeit nicht aushalten, ohne selbst ernst zu werden. Und so was ist
schäbig. Ernsthaftigkeit ist ein Schwert der Niedertracht und das bringt die Gesellschaft
zum Bluten. Sind Nichternste freundlich oder höflich, müssen Ernste diesen
Gesetzmäßigkeiten nach unfreundlich sein.
Tyrann: Sprechen wir von meiner
Einschätzung der Lage. Ich habe sie als Kandidat für den Job nie unterstützt.
Meine Sympathie gilt nicht dem Außenseitern, die immer hinten sitzen und ihre
Potenzial nicht nutzen. Das macht Sie lächerlich. Ich fordere als Ergebnis
einen anderen Ton von Ihnen.
Der Gemarterte schläft beim langsamen
Tonfall des Tyrannen ein und entspannt seine Nerven. Seine neumalklugen Verweise
auf seine Gedankengänge erschöpften das Thema. Sein Ton wurde fortan elegant
routiniert, aber nicht gefallsüchtig. Der Schalk blieb lieber im Nacken und seine
Antworten waren nun harmlos. Man meint immer es käme schlimmer. Dem ist nicht
so! Aber es ist schlimm, denn vor dem Verhör strahlten die Augen des
Gemarterten von der Frühlingssonne.
JD