Freitag, 12. April 2013

Auf dem Stuhl


Für HJ

Den Magen voller Steine hockt sie nach der Anklage auf dem Stuhl ihrer Schande. Ihre Finger schubbern über die raue Oberfläche des Tischchens vor ihr. Schmerzvoll schieben sich die spitzen Steine über die Magenwand und zerstören jeglichen Hunger auf den Tag. Sie bauen die weiche Materie ab und schieben sie in ihr Innerstes fort. Sie stapeln sich auf, um alles abzubauen. Durch die schwere Nachricht des Tages gesellen sich immer spitzere Gewichte dazu. Sie drehen unermüdlich ihre Runden. Es brennt und zieht in ihrem Magen.
Um sich vom Schmerz zu befreien, benötigt sie eine Ablenkung. Also verfolgt sie die rauen Linien des Holztischchens und schneidet mit den spitzen Kanten der Holzrisse in ihre Fingerkuppen. Tief, ganz tief werden die Schnitte mit zunehmendem Druck und erhöhter Schnelligkeit. Bis zum Ausfluss von Blut und Zerfetzen der Haut.
Da überkommt sie eine Idee. Verliert sie ihre Fingerkuppen, verliert sie einen Bestandteil ihrer einzigartigen Identität. Wäre sie niemand besonders, wäre sie jedermann. 
Immer schon sagte man ihr, wie sie zu sein habe. Also ganz anders als sie ist und was sie zu tun habe. Also anderes zu tun, als sie durchführt. Ihre Art sei immer ein Stück zu weit links und viel zu weit in den Wolken. Sie müsse zurückfinden zu der Welt der Gleichgesinnten und -gestellten. Sie dürfe nicht alles sehen, wie sie wolle. Sie müsse sich in der Meinung anderer wiederfinden. Sie dürfe nicht beobachten wie ein Luchs und sich auf ihren Verstand besinnen, denn der spinnt. Man habe bemerkt sie sei außerhalb der Welt der Gleichgesinnten und –gestellten. Dort müsse sie unbedingt hinfinden.

Wie könne sie aber diesen Weg beschreiten?
Es gelte Regeln zu befolgen, Strukturen zu übernehmen, sich angemessen zu orientieren. Nur wer in Strukturen denke, ganz schlüssig und eloquent geschildert, dürfe öffentlich und laut seine Meinung verkünden. Das verstünde sich von selbst. Der Denkende ist ein Meister seines Faches und der Führende auf seinem Gebiet. Er bestimmt das Spiel. Er agiert als Lehrender und fordert Folgsamkeit von den letzten Rängen und denen ganz weit Draußen, außerhalb seiner Zuständigkeit. Am Rande bekomme man nicht alles mit und verliert sich in der falschen Welt. Menschen am Rande verwildern. Die Akustik ist schlechter und das Gesagte erreicht so nicht seinen Zweck.
Man müsse willig sein seinem Job zu leben und der Allgemeintheit zu dienen. Keine Päuschen für die Seele oder das Gemüt. Die Mühen der Tage zermartern den Geist. Die Bestimmung liegt in der vorgegebenen Bahn. Der Kindergarten habe gemeistert, die Schule erfolgreich abgeschlossen, die weitere Ausbildung blendend hingelegt und der Job angemessen erledigt zu werden. Alles unter dem Durchschnitt ist ein bewegloses Rad im System. Es blockiert und schleift. Für das eigene Wohlbefinden richtet man sich auf der geraden Strecke ein, fährt und hält nicht mehr an. Niemand steigt ein oder wird unterwegs mitgenommen. Schablonen werden gebastelt und vorgelegt. Interessant ist, wer es sagt.
Die Wissenden sind die Thronenden. Sie regieren mit mächtiger Hand und können vom Wesen her nicht infrage gestellt werden. Ihr Gefolge ist eine Armee. Nicht kämpfend, aber bewaffnet.

Wohin gehören nur die Randbewohner? Steht ihnen auch ein Reich zu?
Ihr Revier sind andere Planeten. Sie schweben hoch hinaus und agieren als freie Wesen. Niemand kann zerstören, was allein ihnen gehört. Sie wehren sich mit frecher Art gegen das anfeindende Volk und gehen lieber Umwege, denn es verspricht ihnen mehr Erfolg. Die Reise ist länger, aber das Ziel am Ende größer. Sie sammeln eifrig alle Blicke in die Weite und lassen die anderen Reisenden ihren Weg bewerkstelligen. Sie werden nicht überwältigt oder ausgebremst. Hier gibt es nur Honigfallen.

Aber kann sie in die Welt der Gleichgesinnten und- gestellten zurückfinden, wo sie schon lange gegangen ist?
Sie mag die Luft am Rande, denn in der Masse wird sie dünner. Ihr gefällt nicht, wenn man ihr diebisch den Atem nimmt. Auch ist es nicht ihre Sache sich mit Ellbogen an anderen entlangzuschieben und in der Mitte zu stehen. Ihr ist es zu warm und zu eng. Lieber hat sie Raum sich zu entfalten und wild zu tanzen. Sich geschwind zu drehen und vielleicht umzufallen. Ihre Arme hochzureißen und um Dinge zu kreisen. Sie liebt es ihren Blick schweifen zu lassen und abzusägen, was ihr nicht beliebt. Sie bohrt sich gern tief in ferne Dinge und sucht nach dem Kern. Dem Licht zu folgen und viele Wege zu gehen, hat sie gern. Sie begehrt das Schweben mit den Wolken und das Spüren von Leben auf der Erde.
Es ist ein Vergnügen für sie weise auf Steinen zu sitzen und Bäume zu zählen. Sie verirrt sich gerne in fernen Wäldern und fährt durch dichte Wiesen. Niemand kann ihr folgen, denn sie bricht immer als erstes auf. Zurückbleiben mag sie gar nicht gern. Als erste zu laufen und durch Türen zu gehen, erfordert Mut und der ist ihr gegeben.
Sie kann sich ohne Blick nach unten in tiefe Schluchten stürzen oder die Welt umsegeln. Besonders liegt ihr gut hinzuhören und auf den Rhythmus der Welt zu achten. Auch Riechen kann sie so manch einen Duft. Sie unterscheidet nicht zwischen Guten oder Schlechtem. Wahrnehmen ist ihre Obsession.
Und das Fühlen. Fühlen mit feinen Sinnen. Das Streichen der Winde auf ihrer Haut, die rauhen und glatten Flächen der bewegungslosen Dinge, die Wärme und Kälte der Zeiten und die Freuden und Schmerzen der Lebenden. Das alles kommt von einem Individuum.
Sie will nicht besonders sein.
Keine Exotin in der Mode.
Keine Ausnahme mit Verstand.
Keine Spezialität mit wahrem Talent.
Keine Außergewöhnliche mit Geschmack.
Kein volles Glas Charme und Unterhaltung.
Keine Originelle mit Humor. Keine Limitierte mit Tiefsinn.
Sie wollte einfach Teil eines Ganzen sein. Einfach ergänzen ohne Grenzen.
Doch Grenzen werden ihr gesetzt. Gerade Grenzen engen sie ein, denn sie ist eine die Umwege beschreitet und als erste durch die Tür geht. Sie kann nicht jemand anderes sein, denn eine Grenze ist geschlossen und bewacht. Will man sie überschreiten, bezahlt man mit dem Leben.

JD

Durch manche Tür geht man, zu mancher Tür wird man gewiesen und auf mancher Tür steht geschrieben, wie man sie passieren kann

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