Für HJ
Den Magen voller Steine
hockt sie nach der Anklage auf dem Stuhl ihrer Schande. Ihre Finger schubbern
über die raue Oberfläche des Tischchens vor ihr. Schmerzvoll schieben sich die
spitzen Steine über die Magenwand und zerstören jeglichen Hunger auf den Tag.
Sie bauen die weiche Materie ab und schieben sie in ihr Innerstes fort. Sie
stapeln sich auf, um alles abzubauen. Durch die schwere Nachricht des
Tages gesellen sich immer spitzere Gewichte dazu. Sie drehen unermüdlich ihre
Runden. Es brennt und zieht in ihrem Magen.
Um sich vom Schmerz zu
befreien, benötigt sie eine Ablenkung. Also verfolgt sie die rauen Linien des
Holztischchens und schneidet mit den spitzen Kanten der Holzrisse in ihre Fingerkuppen.
Tief, ganz tief werden die Schnitte mit zunehmendem Druck und erhöhter
Schnelligkeit. Bis zum Ausfluss von Blut und Zerfetzen der Haut.
Da überkommt sie eine
Idee. Verliert sie ihre Fingerkuppen, verliert sie einen Bestandteil ihrer
einzigartigen Identität. Wäre sie niemand besonders, wäre sie jedermann.
Immer
schon sagte man ihr, wie sie zu sein habe. Also ganz anders als sie ist und was
sie zu tun habe. Also anderes zu tun, als sie durchführt. Ihre Art sei immer
ein Stück zu weit links und viel zu weit in den Wolken. Sie müsse zurückfinden
zu der Welt der Gleichgesinnten und -gestellten. Sie dürfe nicht alles sehen,
wie sie wolle. Sie müsse sich in der Meinung anderer wiederfinden. Sie dürfe
nicht beobachten wie ein Luchs und sich auf ihren Verstand besinnen, denn der
spinnt. Man habe bemerkt sie sei außerhalb der Welt der Gleichgesinnten und
–gestellten. Dort müsse sie unbedingt hinfinden.
Wie könne sie aber
diesen Weg beschreiten?
Es gelte Regeln zu
befolgen, Strukturen zu übernehmen, sich angemessen zu orientieren. Nur wer in
Strukturen denke, ganz schlüssig und eloquent geschildert, dürfe öffentlich und
laut seine Meinung verkünden. Das verstünde sich von selbst. Der Denkende ist
ein Meister seines Faches und der Führende auf seinem Gebiet. Er bestimmt das
Spiel. Er agiert als Lehrender und fordert Folgsamkeit von den letzten Rängen
und denen ganz weit Draußen, außerhalb seiner Zuständigkeit. Am Rande bekomme
man nicht alles mit und verliert sich in der falschen Welt. Menschen am Rande
verwildern. Die Akustik ist schlechter und das Gesagte erreicht so nicht seinen
Zweck.
Man müsse willig sein
seinem Job zu leben und der Allgemeintheit zu dienen. Keine Päuschen für die
Seele oder das Gemüt. Die Mühen der Tage zermartern den Geist. Die Bestimmung
liegt in der vorgegebenen Bahn. Der Kindergarten habe gemeistert, die Schule erfolgreich
abgeschlossen, die weitere Ausbildung blendend hingelegt und der Job angemessen
erledigt zu werden. Alles unter dem Durchschnitt ist ein bewegloses Rad im
System. Es blockiert und schleift. Für das eigene Wohlbefinden richtet man sich
auf der geraden Strecke ein, fährt und hält nicht mehr an. Niemand steigt ein oder
wird unterwegs mitgenommen. Schablonen werden gebastelt und vorgelegt.
Interessant ist, wer es sagt.
Die Wissenden sind die
Thronenden. Sie regieren mit mächtiger Hand und können vom Wesen her nicht
infrage gestellt werden. Ihr Gefolge ist eine Armee. Nicht kämpfend, aber
bewaffnet.
Wohin gehören nur die
Randbewohner? Steht ihnen auch ein Reich zu?
Ihr Revier sind andere
Planeten. Sie schweben hoch hinaus und agieren als freie Wesen. Niemand kann
zerstören, was allein ihnen gehört. Sie wehren sich mit frecher Art gegen das
anfeindende Volk und gehen lieber Umwege, denn es verspricht ihnen mehr Erfolg.
Die Reise ist länger, aber das Ziel am Ende größer. Sie sammeln eifrig alle
Blicke in die Weite und lassen die anderen Reisenden ihren Weg bewerkstelligen.
Sie werden nicht überwältigt oder ausgebremst. Hier gibt es nur Honigfallen.
Aber kann sie in die
Welt der Gleichgesinnten und- gestellten zurückfinden, wo sie schon lange
gegangen ist?
Sie mag die Luft am
Rande, denn in der Masse wird sie dünner. Ihr gefällt nicht, wenn man ihr
diebisch den Atem nimmt. Auch ist es nicht ihre Sache sich mit Ellbogen an
anderen entlangzuschieben und in der Mitte zu stehen. Ihr ist es zu warm und zu
eng. Lieber hat sie Raum sich zu entfalten und wild zu tanzen. Sich geschwind
zu drehen und vielleicht umzufallen. Ihre Arme hochzureißen und um Dinge zu
kreisen. Sie liebt es ihren Blick schweifen zu lassen und abzusägen, was ihr nicht
beliebt. Sie bohrt sich gern tief in ferne Dinge und sucht nach dem Kern. Dem
Licht zu folgen und viele Wege zu gehen, hat sie gern. Sie begehrt das Schweben
mit den Wolken und das Spüren von Leben auf der Erde.
Es ist ein Vergnügen
für sie weise auf Steinen zu sitzen und Bäume zu zählen. Sie verirrt sich
gerne in fernen Wäldern und fährt durch dichte Wiesen. Niemand kann ihr folgen,
denn sie bricht immer als erstes auf. Zurückbleiben mag sie gar nicht gern.
Als erste zu laufen und durch Türen zu gehen, erfordert Mut und der ist ihr
gegeben.
Sie kann sich ohne
Blick nach unten in tiefe Schluchten stürzen oder die Welt umsegeln. Besonders
liegt ihr gut hinzuhören und auf den Rhythmus der Welt zu achten. Auch Riechen
kann sie so manch einen Duft. Sie unterscheidet nicht zwischen Guten oder
Schlechtem. Wahrnehmen ist ihre Obsession.
Und das Fühlen. Fühlen
mit feinen Sinnen. Das Streichen der Winde auf ihrer Haut, die rauhen und
glatten Flächen der bewegungslosen Dinge, die Wärme und Kälte der Zeiten und
die Freuden und Schmerzen der Lebenden. Das alles kommt von einem Individuum.
Sie will nicht
besonders sein.
Keine Exotin in der
Mode.
Keine Ausnahme mit
Verstand.
Keine Spezialität mit
wahrem Talent.
Keine Außergewöhnliche
mit Geschmack.
Kein volles Glas Charme
und Unterhaltung.
Keine Originelle mit
Humor. Keine Limitierte mit Tiefsinn.
Sie wollte einfach Teil
eines Ganzen sein. Einfach ergänzen ohne Grenzen.
Doch Grenzen werden ihr
gesetzt. Gerade Grenzen engen sie ein, denn sie ist eine die Umwege beschreitet
und als erste durch die Tür geht. Sie kann nicht jemand anderes sein, denn eine
Grenze ist geschlossen und bewacht. Will man sie überschreiten, bezahlt man mit
dem Leben.
JD
Durch manche Tür geht man, zu mancher Tür wird man gewiesen und auf mancher Tür steht geschrieben, wie man sie passieren kann
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