Dienstag, 30. April 2013

Das Blut an seinen Händen


Seine Herkunft war für ihn eine Folter, die nie endete. Aber der Gemarterte wird über sie siegen und sein Gefühl der Schande begraben. Das verrinnende Leben an seinen Händen war nicht von ihm. Er hatte das Blut eines anderen vergossen. Er war unfähig seinen Tyrannen unverdrossen gegenüberzustehen und brauchte die Hoffnungslosigkeit, um seine Feigheit niederzuschlagen.
Das Blut an seinen Händen rauschte in seine Gedanken und war von einem anderen. Er hatte es sich angeeignet und einverleibt. Der erstochene Tyrann beutete ihn aus und alles was der Gemarterte wusste war von seinem Vater. Der Mut, den er in seinen Gedanken mit sich trug, war von ihm. Er war bei ihm als Dichter seiner Wege und vernichtete seine Wut. An seinem Grabe dankte er ihn dafür. Er zerstörte mit der Tat die Rachegelüste der Stadt und verblieb als Held in der schweigsamen Nacht.
Er vergoss das Blut eines anderen und brauchte keine Gier. Mit der Tat holte er  Gefühle in sein Leben zurück. In den letzten Jahren lag er oft auf der Streckbank des Tyrannen. Bis heute konnte er noch nicht den Widerstand in sich erzwingen. Er wurde geboren und zum Teil einer Lebenslethargie. In den einsamen Zeiten der vergangenen Jahre tanzte er im Wald und suchte nach Ästhetik. Er fand keine Wege aus den Gegebenheiten und wollte nicht ewig sein. Sein Schmerz fand keinen Fluchtpunkt und verquoll ihm die Augen. Er hatte keine Sicht mehr und war blind.
Die Vögel vertrieben im Frühling mit ihrem Gesang die bösen Gedanken und gaben ihm mit einem Tusch Kraft für den Widerstand. Das Schicksal spielte für ihn keine schöne Symphonie. Die Angst vor der Hölle heizte von innen seinen Lebensmut. Er beschädigte seine Zukunft und sah mit klarem Verstand, dass er so nicht weiterkonnte. Er wollte nicht mehr Untertan und dem Wahn des Tyrannen ausgesetzt sein. Ohne die Macht der Gegenwehr wurde er ihm zugeteilt und erlag seinem Regiment. Im Terror der langen Tage dachte er sich seine Zukunft aus, um Voranzuschreiten. Er verlor sich in anderen Divisionen und tat im Erdachten seiner Seele weh. In den Nächten im Wald rief er Schlachtrufe, die ohne Widerhall zwischen den Bäumen verschwanden.
Auch die Kräfte fehlten ohne die Stärke anderer. Somit hatte er die Zeit vertan und konnte nicht in die Welt der Realität wiederkehren. Ein Verräter wie er, bekennt sich zum Glück anderer. Sie taten ihm Leid an, denn sie ließen sein Rufen durch die Stadt verhallen. Sie ignorierten seine flehenden Worte und traten ihm dennoch gegenüber. Ohne Kraft bat er, verlasst mich nicht.
In den einsamen Stunden glaubte er nur an den Zweifel. Er hing sich an den Zorn, aber zauderte vor der Tat. Die Zweifel zerrissen seine Seele und gaben ihm eine Uniform. Alles stemmte er gegen den Zwang, in der Verzweifelung sich zügellos dem Drang einer Teufelstat hinzugeben. Seine Seele war unbefangen und frei von Bitterkeit. Seine heißen Tränen wuschen sie immer wieder rein. Die Zeit wurde schwerer und bleiern und führte in die Ziellosigkeit. Keine Zwischenstufen gaben ihm den Weg nach oben frei. Sein wachsender Widerstand war äußerst zerbrechlich und schmolz ohne Willen im Feuer des Tyrannen wie Wachs.
Da floh er in die weit entfernten Sphären seiner Zweifel und verlor sich in der Unfassbarkeit. Seine Zähne zermahlten seine Zerknirschung über die Untat. Er klappte im versammelten Kreise seiner Wegbegleiter zusammen. Die Zerrüttung durch seine Gefühle vernichtete seine wage Existenz. Von ihm wird es keine Meisterwerke geben. Seine Zeit war schon längst reif für ein Ende der Qualen. Kein Loch wird ihn verschlingen. Kein Wind in die Welt treiben und ohne Einvernehmen, weiter ohne Reue bleiben. In der dunklen Nacht züchtete er die Zweifel und nährte sich damit. Dann glaubte er, würde es wieder Leben geben. Von der Welt ausgesperrt, stürmte er die Schlösser der Nacht. Ungewollt flippte er aus und schaffte den Weg in dieses Haus. Er durchquerte breite, dicht bewachsene Zonen bis hin zu endlosen Sandwegen. Er suchte auf diesen Pfaden nach dem Meer. Denn es durstete ihn bei der Jagd, nach dem Lauf im Starrsinn.
Er durchstreifte die Wälder, das karge, freie Land und trieb an verlassene Strände. Eines Tages hieß er den Tyrannen willkommen und stillte sein Verlangen nach Zerstörung. In ihm herrschte ein flammendes Inferno. Er begann mit dem Tyrannen zu spielen und seine Herrschaft zu besingen. Er forderte ihn auf zu kommandieren, um klar zu sehen, welchem Sinn dieses Schicksal brachte. Er träumte fortan von der Vernichtung des Staates des Tyrannen. In ihm begann das Feuer ewig zu brennen und nichts konnte ihn mehr kühlen. Nun strahlte ein Licht von innen und zeigt seine Kraft dahinter. In ihm war kein nichts. Seine Seele war ein toniger Klang und dichtete auf das allerzärtlichste von der Vergangenheit. Seine dünne Stimme wurde zu einem tiefen Gesang. Es gab ihm.
Dieses Gift verlieh ihm die Gabe, um mit Freude in seinen Tagen, auch in die Nacht zu gehen. Die Selbstbeherrschung nahm ihn mit nach Hause und zeigte ihm den Weg in die Welt. Wer das Gift kennt und damit schläft wird den Lohn für seine Angstlosigkeit erhalten. Keine Gnade für den Tyrannen. Im bestärkten Verlangen verhalf keine Pause in den Schlaf. Er nahm das Gift mit Schwiegen fort.
Eines Tages im Winter kam er einer Aufforderung des Tyrannen nach und begab sich mit ihm auf die Fahrt in eine andere Stadt. Er sollte als Geleit mit ihm gehen. Während einer Pause stiegen sie aus und der Tyrann rauchte seine Zigarette. Der Gemarterte aber legte seine Hände in die dicke Schneedecke und kühlte sein Verlangen. Der Tyrann sprach zu ihm und nannte ihn seines Gleichen. Aus der Asche drang die Stimme seines Vaters leise an sein Ohr. Er glühte ihn heiß und er ging zum Tyrannen. Das Opfer wurde zum Henker. Er nahm das Messer, das beim Tode seines Vaters in seinem Herzen gefror und stellte sich zum Tyrannen. Er schrie mit einer unbändigen Wut wie ein geschlagenes Tier und schnitt mit einer Glasscherbe in den Bauch des Tyrannen.
Dessen Augen weiteten sich vor Schreck über den Anschlag. Er war sich seiner Macht sicher. Der Tyrann sank zu Boden und blieb auf den kalten Asphalt liegen. Der Gemarterte setzte sich auf eine Bank und besah seine Tat. Die Nacht war eisig kalt, aber in ihm blieb das flammende Inferno. Er verbrannte die Vergangenheit. Das Messer wurde zur Waffe aus seinem geschmolzenen Herzen. Er verantwortete die Tat, aber niemand wollte ihn in Haft nehmen. Noch immer schrie er seinen Schlachtruf und bekam keinen Widerhall. Aber das Lächeln in den Gesichtern der Bewohner seiner Heimatstadt gaben Dankbarkeit. Er verkündete, er sei kein Menschenkind, denn er kenne keine Reue für seine Tat.
Er befreite sich vom Gift. Er erhielt Gnade und den Lohn seiner Angst. Da ging er in den Wald, zum Schlaf für die Ewigkeit.

JD

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