Samstag, 6. April 2013

Der Weg vom Schild zur Schaufensterscheibe


Schwenk nach rechts, Kopf nach links gedreht und Schritt nach vorne. Seine Aufmerksamkeit wurde flugs durch ein Donnern auf ein niedrig geschraubtes Parkplatzschild für Behinderte gelenkt. Seine linke Hand legt sich schlagartig auf die pochende Stirn und erdrückt in Sekundenschnelle den Schmerz, der umso schonungsloser sein Bleiberecht einfordert. Erbost über die freche Hand, schiebt er sie in die Hosentasche und lässt sie dort zur Strafe stecken.
Mit gespitzten Lippen saugt er in einem Anfall von Wahnsinn ungefiltert die Stadtluft in seine Lungenflügel und stößt in der Hoffnung den Schmerz wegzupusten, heftigst die gleiche Menge gegen das Schild. Die verbrauchte Luft geht, aber der Schmerz bleibt.
Hilflos verselbstständigt sich der linke Fuß und wirbelt in der Luft herum, da den zu bedrängenden Gegenstand durch eine schmale Taille für ungeübte Kämpfer schwer beizukommen ist. Während des Rückflugs kann durch viel Glück und ein wenig Ungeschick, der leblose Kontrahent unter der Gürtellinie mit dem Knöchel gestreift werden. Da der Knöchel schon immer unter den cholerischen Anfällen des Fußes zu Leiden hatte, wehrt er sich gegen diese erzwungene Gruppendynamik mit schmerzvollen Aufschreien in dutzenden Intervallen. Die Genugtuung bleibt aber nicht aus, da das Schild unter der Kontaktaufnahme zu leiden hat und in Schwingung versetzt wird.
Über die ungeschnierte Art sich anderen in den Weg zu stellen und auf eine so dreiste Weise sich selbst anderen aufs Auge zu drücken, verärgert, nimmt er nun Abstand vom Schild.
Es verleitet ihn zu einem erneuten Schwenk, mit Kopf, nach rechts und Schritt nach vorne. Eine lange Strecke blubbert er noch über die Unverschämtheit und grämt sich arg. Doch dann passiert etwas Wundersames. Im Rhythmus der pochenden Stirn, hebt sich der vormals gebeugte Oberkörper und federt auf den Beinen ab. Sein Körper wird ganz lang und dann gebeugt. Seine Haut dehnt sich und reist dem unendlichen Auf und Ab hinterher. Die Bewegungen lassen die Gedanken mit Schwung nach oben fliegen und schicken den Schmerz in den Boden. Da aber die Gedanken leichter fliegen, als der Schmerz abfallen kann, gerät der ganze Körper in einen unruhigen Takt. Alles schlägt jetzt aus der Bahn und seine anfänglich zaghafte Euphorie über die beginnende Wende wird bitter enttäuscht. Sein Körper wird immer dichter zum Boden gepresst und der federnde Schritt wird zum schlurfenden schwerfälligen Fallen von einem auf den anderen Fuß. Die Kräfte lassen nach und der cholerische linke Fuß bockt. Er verweigert sich der Arbeit umgehend und stürzt den ganzen Ablauf des Bewegungssystems. Ein Stein erkennt die Situation und sorgt als alter Freund des aufrechten Ganges für ein Straucheln des Körpers.
Der schmerzhafte Schlag gegen den großen Zeh blockiert ein Anheben des Fußes und wirft den Körper durch ein Ungleichgewicht an eine kalte Schaufensterscheibe.
Die verbannte Hand bleibt zum Trotz in der Hosentasche verborgen und die rechte Hand zeigt sich ihr solidarisch. Mit der Stirn voran begegnet er bereits der kalten Scheibe. Nach dem Plonk der Stirn, gesellen sich ein Knack der Nase und Platsch der Wange dazu. Die Lippen, geschmeidig wie Gummitiere, geben schnell unter dem Druck von außen nach und umschmeicheln bereits die Fensterscheibe.
Als sich nun auch alles Gewicht des Körpers in diese Begegnung hineinlegt, gibt er auf und überlässt sich dem Schicksal.
Da ruft der Schmerz seine Gefährten und bemächtigt sich in der Überzahl seinem geschwächten Körper.
Als Kämpfer, der er immer war, sammelt er seine Kräfte und ballt sie fest zusammen. Mit der Gewissheit über die Einheit seiner Kräfte, die über Jahre hinweg insgeheim ein Bündnis knüpften, kann der Macht bessene Feind vor Ehrfurcht nur die Flucht ergreifen. Dort wo er herkam, verschwindet der Schmerz über alle Enden und berstet die Scheibe.
Der Befreiungsschlag schwächt Körper und Geist und an der zugerichteten Scheibe sackt sein Körper Richtung Boden. Empfangen wird er von einem grünen Nest. Die Grashalme bereiten einen gerichteten Empfang zur Seite. Dankbar über die Güte krümmt sich sein Körper und rollt sich ein. Knie gegen Stirn, Hände um Schienbeine.
Am Ende seines Weges findet er ein Heim und Zuflucht an einem paradisischem Fleck, umgeben von kaltem Stein. Die Sehnsüchte erfüllen sich unerwartet, wenn man den Schmerz vertreibt.

JD 

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