Schwenk nach rechts,
Kopf nach links gedreht und Schritt nach vorne. Seine Aufmerksamkeit wurde
flugs durch ein Donnern auf ein niedrig geschraubtes Parkplatzschild für
Behinderte gelenkt. Seine linke Hand legt sich schlagartig auf die pochende Stirn
und erdrückt in Sekundenschnelle den Schmerz, der umso schonungsloser sein Bleiberecht
einfordert. Erbost über die freche Hand, schiebt er sie in die Hosentasche und lässt
sie dort zur Strafe stecken.
Mit gespitzten Lippen
saugt er in einem Anfall von Wahnsinn ungefiltert die
Stadtluft in seine Lungenflügel und stößt in der Hoffnung den
Schmerz wegzupusten, heftigst die gleiche Menge gegen das Schild. Die
verbrauchte Luft geht, aber der Schmerz bleibt.
Hilflos verselbstständigt
sich der linke Fuß und wirbelt in der Luft herum, da den zu bedrängenden Gegenstand
durch eine schmale Taille für ungeübte Kämpfer schwer beizukommen ist. Während des
Rückflugs kann durch viel Glück und ein wenig Ungeschick, der leblose Kontrahent
unter der Gürtellinie mit dem Knöchel gestreift werden. Da der Knöchel schon
immer unter den cholerischen Anfällen des Fußes zu Leiden hatte, wehrt er sich
gegen diese erzwungene Gruppendynamik mit schmerzvollen Aufschreien in
dutzenden Intervallen. Die Genugtuung bleibt aber nicht aus, da das Schild
unter der Kontaktaufnahme zu leiden hat und in Schwingung versetzt wird.
Über die ungeschnierte
Art sich anderen in den Weg zu stellen und auf eine so dreiste Weise sich
selbst anderen aufs Auge zu drücken, verärgert, nimmt er nun Abstand vom Schild.
Es verleitet ihn zu
einem erneuten Schwenk, mit Kopf, nach rechts und Schritt nach vorne. Eine
lange Strecke blubbert er noch über die Unverschämtheit und grämt sich arg. Doch
dann passiert etwas Wundersames. Im Rhythmus der pochenden Stirn, hebt sich der
vormals gebeugte Oberkörper und federt auf den Beinen ab. Sein Körper wird ganz
lang und dann gebeugt. Seine Haut dehnt sich und reist dem unendlichen Auf und
Ab hinterher. Die Bewegungen lassen die Gedanken mit Schwung nach oben fliegen
und schicken den Schmerz in den Boden. Da aber die Gedanken leichter fliegen,
als der Schmerz abfallen kann, gerät der ganze Körper in einen unruhigen Takt.
Alles schlägt jetzt aus der Bahn und seine anfänglich zaghafte Euphorie über
die beginnende Wende wird bitter enttäuscht. Sein Körper wird immer dichter
zum Boden gepresst und der federnde Schritt wird zum schlurfenden
schwerfälligen Fallen von einem auf den anderen Fuß. Die Kräfte lassen nach und
der cholerische linke Fuß bockt. Er verweigert sich der Arbeit umgehend und
stürzt den ganzen Ablauf des Bewegungssystems. Ein Stein erkennt die Situation
und sorgt als alter Freund des aufrechten Ganges für ein Straucheln des
Körpers.
Der schmerzhafte Schlag
gegen den großen Zeh blockiert ein Anheben des Fußes und wirft den Körper durch
ein Ungleichgewicht an eine kalte Schaufensterscheibe.
Die verbannte Hand
bleibt zum Trotz in der Hosentasche verborgen und die rechte Hand zeigt sich
ihr solidarisch. Mit der Stirn voran begegnet er bereits der kalten Scheibe. Nach
dem Plonk der Stirn, gesellen sich ein Knack der Nase und Platsch der Wange
dazu. Die Lippen, geschmeidig wie Gummitiere, geben schnell unter dem Druck von
außen nach und umschmeicheln bereits die Fensterscheibe.
Als sich nun auch alles
Gewicht des Körpers in diese Begegnung hineinlegt, gibt er auf und überlässt
sich dem Schicksal.
Da ruft der Schmerz
seine Gefährten und bemächtigt sich in der Überzahl seinem geschwächten
Körper.
Als Kämpfer, der er
immer war, sammelt er seine Kräfte und ballt sie fest zusammen. Mit der Gewissheit
über die Einheit seiner Kräfte, die über Jahre hinweg insgeheim ein Bündnis
knüpften, kann der Macht bessene Feind vor Ehrfurcht nur die Flucht ergreifen.
Dort wo er herkam, verschwindet der Schmerz über alle Enden und berstet die
Scheibe.
Der Befreiungsschlag
schwächt Körper und Geist und an der zugerichteten Scheibe sackt sein Körper
Richtung Boden. Empfangen wird er von einem grünen Nest. Die Grashalme bereiten
einen gerichteten Empfang zur Seite. Dankbar über die Güte krümmt sich sein
Körper und rollt sich ein. Knie gegen Stirn, Hände um
Schienbeine.
Am Ende seines Weges
findet er ein Heim und Zuflucht an einem paradisischem Fleck, umgeben von kaltem
Stein. Die Sehnsüchte erfüllen sich unerwartet, wenn man den Schmerz vertreibt.
JD
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