Samstag, 15. Juni 2013

Der Mann als Wirbelsturm


Sein Blick ist immer auf den Boden geheftet. Für ihn stellt er einen sicheren Halt dar, den er dringend braucht. Am liebsten verfolgt er in der Nähe des Hauses seiner Mutter die Pfade des Waldes. Das Haus steht wenige Meter hinter dem Ausgangsschild der Stadt und die Straße, an der es steht, ist wenig befahren. Sein Zimmer geht dorthin hinaus, denn das Haus steht an einem Hang. Er liebt den ungehinderten Blick auf den Boden. Dort wo er lebt, kann er nicht schwanken und bleibt unverändert.
Am Rande der Stadt dringt er in die Dunkelheit des Waldes ein und geht bis zum Schlund hinein.
In der Sonne verborgen, entstehen flimmernde Schwaden über dem erhitzten Boden. Er glüht wie er. Seine Gedanken sind noch ganz warm und vom Heraumfliegen erhitzt. Sein leerer Blick fährt den sicheren Halt ab. Jetzt, in der Hitze des Tages, überkommt ihm die Leidenschaft und er springt aus seiner Zimmertür in den Flur. Durch die Haustür ausgetreten, überkommt ihn erdrückende Hitze. Die Hitze ist sein Rückzugsort. Nicht viele Wege dringen zu ihm vor. Nachdem er seine anfängliche Scheu vor dem Druck der Welt überwunden hat, freundet er sich schnell mit der Schwere dieses Tages an.
Heute will er sich mit dem Sommer anfreunden und seine Stunden damit verbringen seine geliebten Wegplatten abzulaufen, zu rauchen und zu trinken.
Der Einfluss dieses langen Weges verändert merklich sein Verhalten. Von einem zum anderen Stein erhöht sich seine innere Spannung.
Auf der Treppe zu den Betonplatten der Einfahrt bemächtigt Euphorie seine Stimmung. Bis zum Anschlag bläht sich sein Innerstes auf und ist mit explosiver Freude gefüllt. In diesem Sommer sind die Tage unbeschwert. Jede Stunde nimmt ein abruptes Ende, denn er kann seine Gedanken nicht zur Ruhe bekommen. Sie schwirren laut in seinem Kopf und tragen ihn seinen Weg entlang. Im Sturm saust er die Treppen zum Bürgersteig hinunter und springt auf den Beginn einer langen Reise. Sein Körper wendet sich nach links, vorbei an der riesigen Straßenlaterne. Vorbei an den zurückgelegenen Häusern der Nachbarn. An ihren Begrenzungen aus Grün. Ihr Eigentum ist sicher und gerade abgetrennt. Rechts verlaufen ein Steifen ungepflegtes Grün und der dampfende Asphalt.
Von oben brennt die Sonne seine Euphorie nieder. Zu jeder Zeit, wenn er die Gewalt des Lebens auf seiner Haut spürt, flüchtet er zum Waldrand. Er nimmt nicht die ausgetretenen Pfade der Hundebesitzer und der Jäger. Er überquert auch nicht geebnete Wege zur Bewirtschaftung der Felder, sondern er wählt die entlegenen, schlecht passierbaren Feldränder.
Bricht er auf, sind die Menschen zu erschöpft zum Stemmen des Tages. Sie dösen in der Mittagshitze und vergessen ihren Antrieb. Allein bewerkstelligt er seinen vorgelegten Weg. Sein Schritt nimmt viel seiner Unbeschwertheit. Er ist ein einsamer Mann, der die Ruhe sucht. Überraschungen befremden ihn. Seine einsamen Stunden sind seine heilende Zeit. Die Hitze schlägt sich langsam in seiner Kraft nieder und stellt ihn vor eine Herausforderung. Er muss weitergehen und seinen Weg finden.
Am Rande des Feldes stolpert er über riesige, glatte Steine und kleine spitze Kanten bohren sich durch die dünne Sohle seiner Turnschuhe. Die lange Stoffhose reißt an den dornigen Sträuchern auf und das lange Hemd legt sich flach auf seine Brust. Der Atem geht ihm schwer und seine Stirn legt sich in Falten. Der Mund steht offen, um seine Lugen besser zu versorgen.
Den Waldrand fest im Blick nähert er sich unaufhörlich seinem Ziel. Die Geräusche des Lebens schwinden langsam und er nimmt nur noch seinen Atem war. Langsam sieht sich sein Körper in der Pflicht die berauschte Hülle zu kühlen. Der Schweiß dringt aus den Poren und legt sich als Mantel auf seine Haut. Er wischt sich die Nässe von der Stirn.
Sein Rücken fühlt sich im Bereich des Nackens wie von Metallösen durchbohrt an und im Bereich des Unterleibes von Schnüren umfangen. Als würde er von der Sonne aufgehängt und gegen den Himmel gezogen werden. Er traut sich dagegen anzukämpfen und seine Beine hochzunehmen. In den letzten Metern wird er von seiner Willensstärke mitgenommen. Sein sämtliches Körpergewicht hievt er eisern mit jedem Schritt in die Luft und bei jedem Beugen der Knie stemmt er den schwerer fallenden Körper der Sonne entgegen. Er bekämpft die weitere Last des Weges und löst sich von der Macht einzelner Muskeln. Schmerzhaft presst er seine Kieferknochen aufeinander und drückt gegen die Schnüre um seinen Leib, die sich auch seine Beinen bemächtigen wollen.
Er sehnt sich seit langem nach einer Ansage des Lebens. Die Fleischerharken bohren sich bereits in seine Ober- und Unterschenkel und lassen ihn kehlig aufschreien.
Er ist ein unauffälliger Mann mit Abitur in der Tasche und Bestätigung für den Antritt eines Medizinstudiums. Niemand nimmt ihn wahr und niemand befreundet sich mit ihm. Da wird sein Gang zu einer einzigartigen Körperkunst. Wie Nägel stechen die Lebenslagen durch sein Fleisch und verharken sich bis zur Bewusstlosigkeit mit seiner Aufmerksamkeit. Seine Gedanken kreisen durch die Luft und schwirren wie in einem Ritual um ihn herum. Der Weg wird zu einem symbolischen Tod und verleiht seinem Leben Ohnmacht.
Bevor er mit den Füßen vom Boden abhebt, legt sich sein Oberkörper nach vorn und zieht mit feurigem Eifer den Körper nach oben. In seinem Blick markieren sich rote Kreuze und erscheinen an Stellen an denen er viele Stunden am Wegesrand saß.
Weitere Fleischerhaken verteilen sich gleichmäßig über den Oberkörper und auf den Beinen. Langsam beginnt sein Körper mit jedem Schritt zusammenzuzucken. In den nächsten zehn Schritten kann er kaum noch die Oberhand über seine Bewegungen behalten. Die Gedanken rasen um ihn herum und bereiten seine schwersten Meter vor. Die Fleischerharken und Schnüre schnellen wie die Gedanken aus dem Nichts hervor und legen eine Richtung fest. Noch kann er weiter.
Vor seinen Augen werden die Kreuze zu vielen roten Punkten und grenzen ihn ein. Aber er kennt seinen Weg. Der Körper hat schon viele Narben. Die Schnüren und Haken ziehen an und lassen sein Gesicht vor Schmerz entgleisen. Sein Körper pumpt jetzt Adrenalin und Cortisol durch sein Fleisch. Alle Muskeln des Rückens zerren nach Innen und sein Herz setzt in Pausen aus. Das Herz schlägt so schnell, dass das Blut durch die Gefäße schießt und sie verengen.
Die Haut wird unsäglich schwer und sein Atem wird schneller und flacher. Der Körper überhitzt und er wird in diesem Moment von Gedanken durchdrungen. Unruhe und Nervosität übermannen ihn und er lächelt wie ein Bessener. Kaum wahrnehmbar bereisen körpereigene Opiate seinen Körper. Der Rausch wirbelt seinen Geist fort und nimmt die Gedanken mit.
Ohne Geist kann er nicht mehr weitergehen und die Sonne legt seinen Körper auf den Boden nieder. Aber der Geist, der fliegt weiter und wirbelt um die Welt.

JD

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