Sein Blick ist immer auf
den Boden geheftet. Für ihn stellt er einen sicheren Halt dar, den er dringend
braucht. Am liebsten verfolgt er in der Nähe des Hauses seiner Mutter die Pfade
des Waldes. Das Haus steht wenige Meter hinter dem Ausgangsschild der Stadt und
die Straße, an der es steht, ist wenig befahren. Sein Zimmer geht dorthin
hinaus, denn das Haus steht an einem Hang. Er liebt den ungehinderten Blick auf
den Boden. Dort wo er lebt, kann er nicht schwanken und bleibt unverändert.
Am Rande der Stadt
dringt er in die Dunkelheit des Waldes ein und geht bis zum Schlund hinein.
In der Sonne verborgen,
entstehen flimmernde Schwaden über dem erhitzten Boden. Er glüht wie er. Seine
Gedanken sind noch ganz warm und vom Heraumfliegen erhitzt. Sein leerer Blick
fährt den sicheren Halt ab. Jetzt, in der Hitze des Tages, überkommt ihm die Leidenschaft
und er springt aus seiner Zimmertür in den Flur. Durch die Haustür ausgetreten,
überkommt ihn erdrückende Hitze. Die Hitze ist sein Rückzugsort. Nicht viele
Wege dringen zu ihm vor. Nachdem er seine anfängliche Scheu vor dem Druck der
Welt überwunden hat, freundet er sich schnell mit der Schwere dieses Tages an.
Heute will er sich mit
dem Sommer anfreunden und seine Stunden damit verbringen seine geliebten
Wegplatten abzulaufen, zu rauchen und zu trinken.
Der Einfluss dieses
langen Weges verändert merklich sein Verhalten. Von einem zum anderen Stein
erhöht sich seine innere Spannung.
Auf der Treppe zu den
Betonplatten der Einfahrt bemächtigt Euphorie seine Stimmung. Bis zum Anschlag
bläht sich sein Innerstes auf und ist mit explosiver Freude gefüllt. In diesem
Sommer sind die Tage unbeschwert. Jede Stunde nimmt ein abruptes Ende, denn er
kann seine Gedanken nicht zur Ruhe bekommen. Sie schwirren laut in seinem Kopf
und tragen ihn seinen Weg entlang. Im Sturm saust er die Treppen zum
Bürgersteig hinunter und springt auf den Beginn einer langen Reise. Sein Körper
wendet sich nach links, vorbei an der riesigen Straßenlaterne. Vorbei an den
zurückgelegenen Häusern der Nachbarn. An ihren Begrenzungen aus Grün. Ihr
Eigentum ist sicher und gerade abgetrennt. Rechts verlaufen ein Steifen
ungepflegtes Grün und der dampfende Asphalt.
Von oben brennt die
Sonne seine Euphorie nieder. Zu jeder Zeit, wenn er die Gewalt des Lebens auf
seiner Haut spürt, flüchtet er zum Waldrand. Er nimmt nicht die ausgetretenen
Pfade der Hundebesitzer und der Jäger. Er überquert auch nicht geebnete Wege
zur Bewirtschaftung der Felder, sondern er wählt die entlegenen, schlecht
passierbaren Feldränder.
Bricht er auf, sind die
Menschen zu erschöpft zum Stemmen des Tages. Sie dösen in der Mittagshitze und
vergessen ihren Antrieb. Allein bewerkstelligt er seinen vorgelegten Weg. Sein
Schritt nimmt viel seiner Unbeschwertheit. Er ist ein einsamer Mann, der die
Ruhe sucht. Überraschungen befremden ihn. Seine einsamen Stunden sind seine
heilende Zeit. Die Hitze schlägt sich langsam in seiner Kraft nieder und stellt
ihn vor eine Herausforderung. Er muss weitergehen und seinen Weg finden.
Am Rande des Feldes stolpert
er über riesige, glatte Steine und kleine spitze Kanten bohren sich durch die
dünne Sohle seiner Turnschuhe. Die lange Stoffhose reißt an den dornigen Sträuchern
auf und das lange Hemd legt sich flach auf seine Brust. Der Atem geht ihm
schwer und seine Stirn legt sich in Falten. Der Mund steht offen, um seine
Lugen besser zu versorgen.
Den Waldrand fest im
Blick nähert er sich unaufhörlich seinem Ziel. Die Geräusche des Lebens
schwinden langsam und er nimmt nur noch seinen Atem war. Langsam sieht sich
sein Körper in der Pflicht die berauschte Hülle zu kühlen. Der Schweiß dringt
aus den Poren und legt sich als Mantel auf seine Haut. Er wischt sich die Nässe
von der Stirn.
Sein Rücken fühlt sich
im Bereich des Nackens wie von Metallösen durchbohrt an und im Bereich des Unterleibes
von Schnüren umfangen. Als würde er von der Sonne aufgehängt und gegen den
Himmel gezogen werden. Er traut sich dagegen anzukämpfen und seine Beine
hochzunehmen. In den letzten Metern wird er von seiner Willensstärke
mitgenommen. Sein sämtliches Körpergewicht hievt er eisern mit jedem Schritt in
die Luft und bei jedem Beugen der Knie stemmt er den schwerer fallenden Körper
der Sonne entgegen. Er bekämpft die weitere Last des Weges und löst sich von
der Macht einzelner Muskeln. Schmerzhaft presst er seine Kieferknochen
aufeinander und drückt gegen die Schnüre um seinen Leib, die sich auch seine
Beinen bemächtigen wollen.
Er sehnt sich seit
langem nach einer Ansage des Lebens. Die Fleischerharken bohren sich bereits in
seine Ober- und Unterschenkel und lassen ihn kehlig aufschreien.
Er ist ein
unauffälliger Mann mit Abitur in der Tasche und Bestätigung für den Antritt
eines Medizinstudiums. Niemand nimmt ihn wahr und niemand befreundet sich mit
ihm. Da wird sein Gang zu einer einzigartigen Körperkunst. Wie Nägel stechen
die Lebenslagen durch sein Fleisch und verharken sich bis zur Bewusstlosigkeit mit seiner Aufmerksamkeit. Seine Gedanken kreisen durch die Luft und schwirren wie
in einem Ritual um ihn herum. Der Weg wird zu einem symbolischen Tod und
verleiht seinem Leben Ohnmacht.
Bevor er mit den Füßen
vom Boden abhebt, legt sich sein Oberkörper nach vorn und zieht mit feurigem
Eifer den Körper nach oben. In seinem Blick markieren sich rote Kreuze und
erscheinen an Stellen an denen er viele Stunden am Wegesrand saß.
Weitere Fleischerhaken
verteilen sich gleichmäßig über den Oberkörper und auf den Beinen. Langsam
beginnt sein Körper mit jedem Schritt zusammenzuzucken. In den nächsten zehn
Schritten kann er kaum noch die Oberhand über seine Bewegungen behalten. Die
Gedanken rasen um ihn herum und bereiten seine schwersten Meter vor. Die
Fleischerharken und Schnüre schnellen wie die Gedanken aus dem Nichts hervor
und legen eine Richtung fest. Noch kann er weiter.
Vor seinen Augen werden
die Kreuze zu vielen roten Punkten und grenzen ihn ein. Aber er kennt seinen
Weg. Der Körper hat schon viele Narben. Die Schnüren und Haken ziehen an und
lassen sein Gesicht vor Schmerz entgleisen. Sein Körper pumpt jetzt Adrenalin
und Cortisol durch sein Fleisch. Alle Muskeln des Rückens zerren nach Innen und
sein Herz setzt in Pausen aus. Das Herz schlägt so schnell, dass das Blut durch
die Gefäße schießt und sie verengen.
Die Haut wird unsäglich
schwer und sein Atem wird schneller und flacher. Der Körper überhitzt und er
wird in diesem Moment von Gedanken durchdrungen. Unruhe und Nervosität
übermannen ihn und er lächelt wie ein Bessener. Kaum wahrnehmbar bereisen
körpereigene Opiate seinen Körper. Der Rausch wirbelt seinen Geist fort und
nimmt die Gedanken mit.
Ohne Geist kann er
nicht mehr weitergehen und die Sonne legt seinen Körper auf den Boden nieder.
Aber der Geist, der fliegt weiter und wirbelt um die Welt.
JD
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