Sonntag, 9. Juni 2013

Nackt im Frühling


Er ist gerade aufgewacht und viele Gefühle tragen ihn aus dem Bett. Sofort sucht er die Nähe zum Küchenfenster und trifft auf einen blauen Himmel und zwei Vögel auf seinem Baum im Vorgarten. Die Sonne scheint und die Vögel singen ein Frühjahrslied für ihn. Sie fluten ihn mit beschwingter Stimmung und wirbeln seine ganzen Gefühle durcheinander. Er liebt den Frühling. Immer wieder und immer wieder bis zum Ende. Er verliebt sich jedes Jahr.
Wenn er ins Bett geht, zieht er ihn ins Träumen und wartet bis zum nächsten Morgen. Er denkt viel an den Frühling. Der Frühling nimmt sich ausreichend Zeit und legt seine Müdigkeit ab. Mit ihm fängt die Sommerzeit an. Er spricht nicht viel. Im Frühling sagt der Körper alles. Allein und nur für den heutigen Tag widmet er ihm seine ganze Zeit.
In MV dauern die Monate zu dieser Jahreszeit länger und die Konten sind leerer als anderswo im deutschsprachigen Raum. Die Container sammeln Essensreste und Flaschen. Während er in der Küche sitzt und um 11.30 Uhr seinen Kühlschrank leer frühstückt, grübelt er über seine Pläne am Tag nach und denkt, wo kann ich heute hin? Durch das Fenster grüßt ihn die Sonne gelb ins Gesicht, während er in Zeitlupe sein trockenes Brötchen zum Mund führt. Das Brötchen ist so alt, dass es beim Reinbeißen, die Zähne in den Kiefer drückt und trotzdem zu Staub zerfällt.
Aber die Kaffeetasse füllt ihn heute Morgen mit Leben an.
Spontan springt er von seinem Stuhl auf und ruft: Es ist Frühling, die Natur macht Kunst. Da biete ich mich doch als Aktmodell an.
Schnell reißt er sich sein T-Shirt über den Kopf und zieht ruckartig seine Hose runter. Vor der Unterhose macht er kurz Halt, weil ihm warm wird. Er denkt, das liegt bestimmt an der Sonne, wenn ich rot werde. Seine Hütte steht am Rand der Kleinstadt und liegt in der Nähe eines Waldes. Daher dreht er sich schnell herum und stürmt zur Haustür. Leider vergisst er seinen Schlüssel, denn ohne Hose hat er keinen Platz mehr bei ihm. Das bemerkt er nach dem Zufallen der Haustür und entscheidet für sich, dass er ohne Kleidung kein Haus braucht. Er kann ja in den Wald. So viel Grün braucht viel Zeit zum Wachsen.
In MV gehen viele in den Wald. Sie spazieren mit oder ohne Kleidung, Picknicken, Jagen oder leben im Wald. Die Waldbewohner sind alte Gesellen, die dem Boden verhaftet blieben. Sie haben Kumpels mit denen sie auf Bänken sitzen und Bier trinken. Neben dem Baumgrüppchen, liegen viele Seen und noch mehr bewirtschaftete Felder mit Monokulturen. Die Straßen führen über weite Strecken. Umliegende Dörfer oder Städte werden erst dann erreicht, wenn die Hoffung schon aufgegeben wurde, im anderswo anzukommen. Viele Ruinen und geisterhafte Plätze mit Müll finden sich unverhofft auf unbewohnten Flächen. Das macht ihn traurig.
Aber jedes Jahr schenkt ihm der Frühling einen Farbenrausch. Er appelliert an die Natur und sie wuchert unversehens alles voll. Und bringt die Liebe zurück. Alles fängt von vorne an und wird bunt verkleidet. Licht fällt in die Welt und man geht nicht mehr alleine spazieren.
Er fliegt in die Luft und erreicht nicht mehr den Verstand. Der Körper berührt wieder die Welt und er erkennt sich wieder. Er steht unter der Sonne und denkt an das Leben. Er kann wieder hinhören und weinen. So viel Licht lädt zum Verreisen und Tanzen ein. Der Frühling hat ganz viel Ahnung von der Liebe und weist den Weg in den Sommer.
Glücklich über die Wärme in und um seinem Körper kann er weiter fort und mit der Natur zusammen sein. Lange sehnte er sich nach bunten Farben und Heiterkeit. Er möchte schauen, wie weit die Pflanzen hochtrieben.
Von einem zum anderen Baum gerät er weiter in den Wald. Die Baumkronen werden dichter und wollen ihm kein Licht mehr geben. Die Sonne hat Schwierigkeiten seinen nackten Körper weiter zu wärmen. Die Dunkelheit schluckt mit ihrem tieferwerdenem Schwarz seine wilde Gefühlswelt. Mit der Kälte kommen die Probleme und er spürt die spitzen, kalten Steine des Bodens. Kanten gebrochener Äste bohren sich in seine Fußsohle und schneiden ihn die Haut auf. Seine Augen verlieren ihren Glanz und können ihn in der Dunkelheit nicht mehr leuchten. Das beklemmt ihn und macht ihn gefühlsleer. Aber ihm Wald gibt es Lichtungen, die sind wie ein Paradies. Mit wenig verbliebener Energie findet er dorthin. Nach dem Wiedersehen mit der Sonne klopft aber endlich wieder sein Herz und er sammelt mit seinem Blick Liebesbekundungen des Frühlings ein. Das Grün der Wiese, die bunten Farben der Blumen und der Duft von Leben. Nur wie findet er wieder aus dem Wald heraus?

JD

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