Er ist gerade
aufgewacht und viele Gefühle tragen ihn aus dem Bett. Sofort sucht er die Nähe
zum Küchenfenster und trifft auf einen blauen Himmel und zwei Vögel auf seinem
Baum im Vorgarten. Die Sonne scheint und die Vögel singen ein Frühjahrslied für
ihn. Sie fluten ihn mit beschwingter Stimmung und wirbeln seine ganzen Gefühle
durcheinander. Er liebt den Frühling. Immer wieder und immer wieder bis zum
Ende. Er verliebt sich jedes Jahr.
Wenn er ins Bett geht,
zieht er ihn ins Träumen und wartet bis zum nächsten Morgen. Er denkt viel an
den Frühling. Der Frühling nimmt sich ausreichend Zeit und legt seine Müdigkeit
ab. Mit ihm fängt die Sommerzeit an. Er spricht nicht viel. Im Frühling sagt der
Körper alles. Allein und nur für den heutigen Tag widmet er ihm seine ganze
Zeit.
In MV dauern die Monate
zu dieser Jahreszeit länger und die Konten sind leerer als anderswo im
deutschsprachigen Raum. Die Container sammeln Essensreste und Flaschen. Während
er in der Küche sitzt und um 11.30 Uhr seinen Kühlschrank leer frühstückt,
grübelt er über seine Pläne am Tag nach und denkt, wo kann ich heute hin? Durch
das Fenster grüßt ihn die Sonne gelb ins Gesicht, während er in Zeitlupe sein
trockenes Brötchen zum Mund führt. Das Brötchen ist so alt, dass es beim Reinbeißen,
die Zähne in den Kiefer drückt und trotzdem zu Staub zerfällt.
Aber die Kaffeetasse
füllt ihn heute Morgen mit Leben an.
Spontan springt er von
seinem Stuhl auf und ruft: Es ist Frühling, die Natur macht Kunst. Da biete ich
mich doch als Aktmodell an.
Schnell reißt er sich sein
T-Shirt über den Kopf und zieht ruckartig seine Hose runter. Vor der Unterhose
macht er kurz Halt, weil ihm warm wird. Er denkt, das liegt bestimmt an der
Sonne, wenn ich rot werde. Seine Hütte steht am Rand der Kleinstadt und liegt
in der Nähe eines Waldes. Daher dreht er sich schnell herum und stürmt zur
Haustür. Leider vergisst er seinen Schlüssel, denn ohne Hose hat er keinen
Platz mehr bei ihm. Das bemerkt er nach dem Zufallen der Haustür und
entscheidet für sich, dass er ohne Kleidung kein Haus braucht. Er kann ja in
den Wald. So viel Grün braucht viel Zeit zum Wachsen.
In MV gehen viele in
den Wald. Sie spazieren mit oder ohne Kleidung, Picknicken, Jagen oder leben im
Wald. Die Waldbewohner sind alte Gesellen, die dem Boden verhaftet blieben. Sie
haben Kumpels mit denen sie auf Bänken sitzen und Bier trinken. Neben dem
Baumgrüppchen, liegen viele Seen und noch mehr bewirtschaftete Felder mit
Monokulturen. Die Straßen führen über weite Strecken. Umliegende Dörfer oder
Städte werden erst dann erreicht, wenn die Hoffung schon aufgegeben wurde, im
anderswo anzukommen. Viele Ruinen und geisterhafte Plätze mit Müll finden sich
unverhofft auf unbewohnten Flächen. Das macht ihn traurig.
Aber jedes Jahr schenkt
ihm der Frühling einen Farbenrausch. Er appelliert an die Natur und sie wuchert
unversehens alles voll. Und bringt die Liebe zurück. Alles fängt von vorne an
und wird bunt verkleidet. Licht fällt in die Welt und man geht nicht mehr
alleine spazieren.
Er fliegt in die Luft
und erreicht nicht mehr den Verstand. Der Körper berührt wieder die Welt und er
erkennt sich wieder. Er steht unter der Sonne und denkt an das Leben. Er kann
wieder hinhören und weinen. So viel Licht lädt zum Verreisen und Tanzen ein.
Der Frühling hat ganz viel Ahnung von der Liebe und weist den Weg in den
Sommer.
Glücklich über die
Wärme in und um seinem Körper kann er weiter fort und mit der Natur zusammen sein.
Lange sehnte er sich nach bunten Farben und Heiterkeit. Er möchte schauen, wie
weit die Pflanzen hochtrieben.
Von einem zum anderen
Baum gerät er weiter in den Wald. Die Baumkronen werden dichter und wollen ihm
kein Licht mehr geben. Die Sonne hat Schwierigkeiten seinen nackten Körper
weiter zu wärmen. Die Dunkelheit schluckt mit ihrem tieferwerdenem Schwarz seine
wilde Gefühlswelt. Mit der Kälte kommen die Probleme und er spürt die spitzen,
kalten Steine des Bodens. Kanten gebrochener Äste bohren sich in seine Fußsohle
und schneiden ihn die Haut auf. Seine Augen verlieren ihren Glanz und können
ihn in der Dunkelheit nicht mehr leuchten. Das beklemmt ihn und macht ihn gefühlsleer.
Aber ihm Wald gibt es Lichtungen, die sind wie ein Paradies. Mit wenig verbliebener Energie findet er dorthin. Nach dem Wiedersehen mit der Sonne klopft aber
endlich wieder sein Herz und er sammelt mit seinem Blick Liebesbekundungen des
Frühlings ein. Das Grün der Wiese, die bunten Farben der Blumen und der Duft
von Leben. Nur wie findet er wieder aus dem Wald heraus?
JD
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