Das Liegengebliebene
und Vergessene packt sie in eine Tüte, die fest verschnürt wird. Der Boden muss
vom Klebrigen und Haarigen befreit werden. Die Regale erhalten ihre hochstapelnde
Funktion zurück und werden wieder belegt. Staub, als fremde Materie am falschen
Ort, aber richtigen Platz, wird belassen. Mit der Staubzucht hat sie schließlich
auch Zeitgeschichte materialisiert.
Eifrig wienert und
wirbelt sie durch den Raum. Schubladen werden zum erleichternden Denkprinzip.
Beschriftend und etikettierend unternimmt sie den Versuch einen Wegweiser für
die vielen Pfade zu finden. Durch eine gezielte Positionierung kann alles zur
Nummer werden und in einer Struktur einen Sinn erhalten. Alle Reinigung und
Planung bietet ihrem Kopf Sicherheit und ihrem Herzen Zuflucht.
Den Müll entsorgt sie
fachgerecht und räumt im Herzen einen Platz frei. Die Fenster stehen offen und
die Türen hebelt sie aus ihren Angeln. Im April folgt oft nach der Sonne, Wind
und Regen. Da wirbelt der Wind eines Tages unerwartet durch den Raum und reißt
die Schubladen raus, kippt die Regale um und pflastert den Boden mit Chaos.
Verzweifelt über den grausamen Anschlag, verriegelt sie die Tür, vernagelt mit
Brettern die Fenster und zimmert sich ein Versteck für das Seelenheil.
Sie belässt alles an
Ort und Stelle, damit sie nichts vergisst. So glaubt sie, ihr Herz vor Qualen
und Schmerzen zu behüten. Ihr Tag wird fortan dunkelgrau. Keine Horizonte und
Lichtblicke duldet sie. Alle Wärme von außen verbleibt vor dem Schutzraum.
Loderndes Feuer, tödliche Angst, stürmische Wut, mitreißende Freude und wildes
Tanzen löst sich in ihrer Seelenwüste auf. Der Raum verliert an Fülle und das
graue Einerlei erhält immerfort Einzug in ihrem inneren Bewegungsfeld.
Alles eintönig und ein
einziger Brei! Essen, Trinken, Schlafen verschwinden zum Ganzen. Im Spiegel
wird ihr Angesicht zur Glätte und vergraut immer mehr. Was bleibt, ist Zeit.
Die Zeit ist ein
fleißiger Arbeiter und regelt den Schichtplan. Sie teilt alles in
Lebensabschnitte ein und vergütet die getane Arbeit mit respektierlichem
Gehalt. Da sieht die Zeit aber irgendwann, dass ihr ein fleißiges Bienchen
abhanden gekommen ist. Sie fliegt und sammelt nicht den Honig ein. Da schmiedet
die Zeit von Ärger geplagt einen schändlichen Plan. Sie streicht alle gesammelten
Treuepunkte und vergisst ihren freien Tag.
Da sprach sie zur Zeit,
das könne aber nicht sein! Wo bliebe da noch die Gerechtigkeit. Blut kocht in
ihr hoch und mit Galle spritzt sie die Zeit von oben bis unten voll. Ihre
verblasste Haut färbt sich wieder lebensnah und untermalt ihren Spruch.
Plötzlich sagt sie alles mit Farbe und schmeckt das bunte Leben in einer rasenden
Flut. In Wellen umspült sie der Regen mit einem Guss, die Wut erhebt den Dolch und
schneidet ihr ins Fleisch, der Wind trägt ihre Sorgen fort und die Sonne flutet
ihr Herz.
Sie gerät in einem
Wirbel und wird unachtsam, sodass die Zeit ihr einen Deal vorschlägt. Um ihr
Gesicht zu wahren, will sie gütig wirken. Vor böser Nachrede graut es ihr immer
sehr. Gewitzt nutzt die Zeit die Stunde, dass liegt in ihrer Macht und umgeht
den Dienstplan. Sie schlägt einen Tausch vor und bietet ihr an, was vom Grau zu
nehmen. Schmeichelnd erzählt sie von besseren Jahren und wirbt mit Gratis Lebensglück.
Sie müsse nur mit der Zeit Karten spielen.
Oh, da gerät sie doch
schnell ins Grübeln. Spielen entspricht nicht ihrer Natur. Viel Riskieren birgt
große Gefahr. Sie fragt nach dem Einsatz und erhält die Antwort: „Einen Strich
durch wahllos viele Lebensjahre.“.
Ihre Seele gerät unter
Spannung und dehnt sich in alle Richtungen. An ihr zieht und zerrt es, bis sie
zerreißt.
Zurück bleibt das Grau.
Zu Grau passen eigentlich alle Farben.
JD
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