Sonntag, 15. September 2013

Das Tier in ihm Teil II Der erste Morgen

Als A.J. am Morgen in der Ruine seines Hauses aufwacht, findet er sich verwandelt vor. Über ihn liegt der kalte nasse Morgentau und glänzt auf seinem nackten, steifen Körper. Sein Rücken verhärtet den Hals und er kann seinen Kopf nicht heben. Auf der Höhe seines Bauches schimmert ein hilfloser Tautropfen.

„Wo ist nur meine ungetrübte Wahrnehmung?“, denkt er. Nicht mehr im Traumland bereitet ihn das Erwachen einen heftigen Schauer der Angst. Sein Haus ist kein Haus mehr für Menschen, sondern wird durch den Brand wieder Nährboden für die Vegetation. Die ihm bekannten, allein ihm gehörenden Wände sind verkohlte Reste einer versteinerten, menschlichen Existenz.

Er liegt mit mehr Lebenskraft als Verstand auf seinem nunmehr Sperrmüllreifen Sofa. Mit Flügeln versucht ihn der beginnende Tag zu verführen. Da aber sein Lebensschicksal gerade Amok läuft, vergiftet der Umstand seiner vor Augen geführten Existenztrümmer weiterhin seine vergiftete Wahrnehmung über die Welt.

Sein Leben liegt tot in seinen verschränkten Armen. Hat er es geliebt? Ist ein Leben bewältigen, das Leben lieben. Muss man den Tag nehmen oder in den Kampf ziehen?

Er atmet die süßen Duft am Morgen, die Menge aus entzündeter Materie, vergorener Körpersäfte und seiner Vergangenheit. Sein Alltag war nie die wilde Braut, die er haben wollte. Da wird ihm mit einem heftigen Aufschlag im Bewusstsein deutlich und ihm fehlt jegliche Leidenschaft zum Sein. Nichts war wirklich authentisch. Er nicht, die verbrachten Stunden am Tag, die Menschen in seiner Nähe und weiteren Umgebung. Er verbleibt erschlafft, gelähmt, kraftlos. Ein Koma aus Gift der Notwendigkeit seiner Existenz.

Brutalität im Alltag.

Sein Atem gleicht einem Röcheln. Verbrannte Lunge. Sie zieht heftig nach Sauerstoff für den luftentleerten Raum im Inneren. Er atmet noch. Er lebt. Atmen bedeutet Zuversicht, denn er kann nicht verwerfen, was ihn ausmacht. Körper. Ein gedankenleerer Raum. Sein Verzicht macht ihn nicht aus. Aber der Verzicht auf die Gesellschaft?

Atmen und leben, als Antrieb nach Dingen zu greifen, im Tag zu ertrinken, bewusst zu inhalieren und aufzunehmen. Mehr hinunterschlucken als möglich ist. Die Luft seiner bisherigen Tage war ein Gift aus der Vergangenheit. Sein Körper ist in der kalten Morgenluft noch warm und er spürt die Kälte. Sie wird zu einer Wohltat seiner jetzigen Empfindungen. Sein Geist erwacht und die zurückliegenden Tage verlieren an Wert. Er ist wach, wird kalt. Naht der Tod? Seine Augen gleiten über die verbrannten Gegenstände und Unmengen angehäufter Konsumgüter. Es wirkt nun spärlich und drohte ihn aufzufressen.

Sein Schutzraum. Seine eingerissenen Wände. In ihnen kam er zur Ruhe, wenn der Alltag jegliche Stimulanz der Gefühle und Gedanken auffraß. In dieser Stille erfuhr er die paradoxe Situation zu entfernen, was ihn kaum in Begriff war in Besitz zu nehmen. Dort war er kein allmächtiges Wissen, das ihn umarmte. Seine Körperfunktionen verloren nie ihre Betriebsamkeit. Ein langsamer Puls, eine flache Atmung, eine unauffällige Sättigung. Wie ein Vogel, der nicht Fliegen kann. Altes Bekannte ohne eine Liebe. Niemand ergab sich mehr diesen Wahnsinn aus lähmendem Erbgut der Vergangenheit. In dieser Handlung bedarf es keiner Erinnerungen mehr, keine menschlichen Beziehungen, denn eine alltägliche Lebensform bildet einen vermeintlichen Sinn.

JD

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