Der Schlag der Zeit hielt sie
niedergestreckt. Sie blickte noch lange mit gesenktem Kopf in den
fast leeren Raum. In ihr brodelte die Revolution. Das Licht war so
gelb, dass im Zimmer alles noch verdreckter wirkte. Die Gegenstände
lagen durcheinander und ohne System umher. Die Geräusche um sie
herum waren für sie nur noch dumpfe Töne in einem Klangchaos.
Von der Außenwelt getrennt, lebte sie
mit ihren Geschwistern in einem kleinen Haus am Rande der Stadt,
gegenüber eines Waldes. Das abgelegene Grundstück war groß und
voller verwildeter Blumen- und Kräuterbeete. Die Wege waren flach
ausgetreten. Alles wurde von Baumkronen überschattet, die einen
finsteren Eindruck erzeugten. Die Leute der Nachbarschaft liefen
schnell und gebeugt an dem unheilvollen Haus vorbei.
Die Eltern waren Teil der Stadt und
verwachsen mit ihrem Besitz. Deutlich markierte eine große
umlaufende Mauer das Anwesen. Sie erschien großzügiger bemessen als
die Notwenigkeit es geboten hätte.
Die Elternteile pflegten eine
diktatorische Erziehung, in der den Kindern die Außenwelt verwehrt
blieb. Sie kommunizierten in einer eigenen bizarren Sprache mit
erfundenen Wörtern und andersartiger Betonung der Wortsilben. Für die Kinder lebten
die Menschen in der Außenwelt als besessene Fleischhüllen.
Die Eltern vermittelten ihren Kindern die Ansicht, dass alle anderen
Menschen durch revolutionäres Gedankengut infiltrierte Lebensweisen
nachgehen. Sie erblinden an den Freigeist, der ihnen vorgelebt wurde.
In brutal sadistischen Handlungen
erprobten sie daher ihre manipulativen Fähigkeiten. Für die Kinder
hatte das Verhalten nicht mit Gefühlen zu tun. Sie ertasteten ihre
Umwelt mit den Zungen und versuchten Gegenstände zu schmecken. Sie
kauten und schlugen in sie hinein.
Tiere hielten sie für Spielzeuge,
welche sie fingen und bis zum Tod folterten. Die Tiere zitterten in
ihren Händen mit denen sie das Leben nahmen. Im richtigen Moment
warfen sie sich unbeobachtet vom Opfer auf sie. Am Ende der Folter
warfen sie die Tiere achtlos über die Mauer, während über ihnen
der friedvoll erscheinende Himmel für die Nacht dunkel wurde.
In Verletzungen empfanden die Kinder
Genugtuung, wenn sie Rache übten und ihre Geschwister mit Messern
verwundeten.
Die Eltern gingen regelmäßig einer
eintönigen Beschäftigung in einer Behörde nach. Dort erledigten
sie abgerichtet wie Hunde die Aufgaben ihres Betätigungsfeldes. Für
die Kinder hingegen verweigerten sie dies, denn sie wollten, dass sie
die höchste Stufe der Abrichtung erreichten, den absoluten Gehorsam.
Die Eltern hatten Angst die Erziehung zu früh zu beenden, ohne das
blutrünstige Tier in ihnen nach Außen gekehrt zu haben.
Ungeduldig erwarteten sie die Erscheinung. Die Ankunft der Bestie in
ihnen konnte in naher Zukunft bevorstehen. Ähnlich einer Geburt
schien die Psyche der Kinder eine Bestie zu gebären, was das Wesen
der Kinder schon immer verbarg.
Als dann wenige Tage nach dem 16.
Geburtstag des ältesten Kindes ein fremder Mann auf dem Grundstück
auftauchte, wurden die Kinder starr vor entsetzen und Panik
bemächtigte sich ihrer. Sie stürzten sich im Affekt auf den Mann
und schlugen ihre blanke Zähnen durch seine Haut. Sie rissen sein
Fleisch vom Hals und bissen Stücke aus seiner Wade. Ungewöhnlich
schnell floss das Blut und der Mann starb bereits nach einem
röchelnden Hilfeschrei.
In der Blutlache suhlten sich grölend
die Kinder vor Glücksgefühlen über den Tod des Unmenschen. Er
drang in ihre Intimsphäre. Das jüngste Kind, 11 Jahre, zerriss sich
die Kleidung in Streifen und beschmierte sich in Ekstase geraten mit
dem Blut. Wie in einem heiligen Ritual lachte und wälzte sie über
den Leichnam. Die Eltern gratulieren und lobten die Kinder für die
Tötung der Schreckensge-stalt Mensch.
Nun lernte der Vater die Kinder an. Er
unterrichtete sie im geräuschlosen und schnellen Töten. Auf allen
Vieren streiften die Kinder mit dem Vater durch das Unterholz des
Waldes und verfolgten Spaziergänger unbemerkt minutenlang. Sie
imitierten die Geräusche der Tiere und schreckten mit ihrem
Verhalten ihre Umwelt immer mehr ab.
Die Abgeschiedenheit sicherte ihre
Lebensform.
JD
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen