Freitag, 27. September 2013

Abschalten Teil 1 Die Bande

Der Schlag der Zeit hielt sie niedergestreckt. Sie blickte noch lange mit gesenktem Kopf in den fast leeren Raum. In ihr brodelte die Revolution. Das Licht war so gelb, dass im Zimmer alles noch verdreckter wirkte. Die Gegenstände lagen durcheinander und ohne System umher. Die Geräusche um sie herum waren für sie nur noch dumpfe Töne in einem Klangchaos.
Von der Außenwelt getrennt, lebte sie mit ihren Geschwistern in einem kleinen Haus am Rande der Stadt, gegenüber eines Waldes. Das abgelegene Grundstück war groß und voller verwildeter Blumen- und Kräuterbeete. Die Wege waren flach ausgetreten. Alles wurde von Baumkronen überschattet, die einen finsteren Eindruck erzeugten. Die Leute der Nachbarschaft liefen schnell und gebeugt an dem unheilvollen Haus vorbei.
Die Eltern waren Teil der Stadt und verwachsen mit ihrem Besitz. Deutlich markierte eine große umlaufende Mauer das Anwesen. Sie erschien großzügiger bemessen als die Notwenigkeit es geboten hätte.
Die Elternteile pflegten eine diktatorische Erziehung, in der den Kindern die Außenwelt verwehrt blieb. Sie kommunizierten in einer eigenen bizarren Sprache mit erfundenen Wörtern und andersartiger Betonung der Wortsilben. Für die Kinder lebten die Menschen in der Außenwelt als besessene Fleischhüllen. Die Eltern vermittelten ihren Kindern die Ansicht, dass alle anderen Menschen durch revolutionäres Gedankengut infiltrierte Lebensweisen nachgehen. Sie erblinden an den Freigeist, der ihnen vorgelebt wurde.
In brutal sadistischen Handlungen erprobten sie daher ihre manipulativen Fähigkeiten. Für die Kinder hatte das Verhalten nicht mit Gefühlen zu tun. Sie ertasteten ihre Umwelt mit den Zungen und versuchten Gegenstände zu schmecken. Sie kauten und schlugen in sie hinein.
Tiere hielten sie für Spielzeuge, welche sie fingen und bis zum Tod folterten. Die Tiere zitterten in ihren Händen mit denen sie das Leben nahmen. Im richtigen Moment warfen sie sich unbeobachtet vom Opfer auf sie. Am Ende der Folter warfen sie die Tiere achtlos über die Mauer, während über ihnen der friedvoll erscheinende Himmel für die Nacht dunkel wurde.
In Verletzungen empfanden die Kinder Genugtuung, wenn sie Rache übten und ihre Geschwister mit Messern verwundeten.
Die Eltern gingen regelmäßig einer eintönigen Beschäftigung in einer Behörde nach. Dort erledigten sie abgerichtet wie Hunde die Aufgaben ihres Betätigungsfeldes. Für die Kinder hingegen verweigerten sie dies, denn sie wollten, dass sie die höchste Stufe der Abrichtung erreichten, den absoluten Gehorsam. Die Eltern hatten Angst die Erziehung zu früh zu beenden, ohne das blutrünstige Tier in ihnen nach Außen gekehrt zu haben. Ungeduldig erwarteten sie die Erscheinung. Die Ankunft der Bestie in ihnen konnte in naher Zukunft bevorstehen. Ähnlich einer Geburt schien die Psyche der Kinder eine Bestie zu gebären, was das Wesen der Kinder schon immer verbarg.
Als dann wenige Tage nach dem 16. Geburtstag des ältesten Kindes ein fremder Mann auf dem Grundstück auftauchte, wurden die Kinder starr vor entsetzen und Panik bemächtigte sich ihrer. Sie stürzten sich im Affekt auf den Mann und schlugen ihre blanke Zähnen durch seine Haut. Sie rissen sein Fleisch vom Hals und bissen Stücke aus seiner Wade. Ungewöhnlich schnell floss das Blut und der Mann starb bereits nach einem röchelnden Hilfeschrei.
In der Blutlache suhlten sich grölend die Kinder vor Glücksgefühlen über den Tod des Unmenschen. Er drang in ihre Intimsphäre. Das jüngste Kind, 11 Jahre, zerriss sich die Kleidung in Streifen und beschmierte sich in Ekstase geraten mit dem Blut. Wie in einem heiligen Ritual lachte und wälzte sie über den Leichnam. Die Eltern gratulieren und lobten die Kinder für die Tötung der Schreckensge-stalt Mensch.
Nun lernte der Vater die Kinder an. Er unterrichtete sie im geräuschlosen und schnellen Töten. Auf allen Vieren streiften die Kinder mit dem Vater durch das Unterholz des Waldes und verfolgten Spaziergänger unbemerkt minutenlang. Sie imitierten die Geräusche der Tiere und schreckten mit ihrem Verhalten ihre Umwelt immer mehr ab.
Die Abgeschiedenheit sicherte ihre Lebensform.
 
JD

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