Samstag, 5. Oktober 2013

Im Dunkeln bleiben

Wenn der Herbst beginnt, drehen sich alle seine Gedanken im Kreis. Er bleibt stehen und geht nicht weiter. Die Angst um seine Schuld macht ihm zum Kind. In der Dunkelheit schweigt der Wind. Er ist heute ohne Begleiter.
Als sich die Türen von einem gewaltigen Windstoß öffnen, kann in seinem Blick die Hoffnung gelesen werden. Erstaunt öffnet er seinen Mund und das Lächeln gleicht einem aufgehenden Vorhang. Wenn der Atmen schneller geht als das Herz schlägt, spannt er seine Arme an. Er spürt die Kälte auf seiner Haut. Aber nicht die des Windes, stattdessen die in seinem schwarzen Inneren. In seinem Ohren schrillt ein heller scharfer Ton und quält ihn. Denn er drückt die Hände mit aller Kraft auf seine Ohren. Flach und fest, aber ohne Abhilfe zu verschaffen. Die Augen treten glasig aus den Augenhöhlen, kurz bevor er sie vor Qualen zusammenkneift. Die Bänder und Sehnen in seinem Inneren bündeln gewaltige Kräfte.
Der schrille Ton wie ein Pfeiffen steht im Raum und hält die Zeit an. Alles wird gelb und dann weiß. Es blendet und färbt die Dunkelheit vor den Augen orange und blau. Verloren in der Fläche, bleibt er angewurzelt stehen. Nur den Rücken krümmt er, sodass seine Schultern nach unten gezogen werden. Ein Moment ohne Panik. Sein Körper scheint für ihn in die Luft gehoben zu werden und über dem Holzfussboden zu schweben. Unten wird zu oben und die Gegenstände um ihn herum sind nicht mehr an ihrer alten Position. Im gleichen Abstand stehen sie zu einander. Keine Chance einer Berührung ist sichtbar.
In dieser Position erlangt ihn die Erkenntnis, dass die Bedeutung nicht in der vorgegebenen Ordnung liegt. Die Reihung und Postion kann zu einem besseren als auch schlechteren Ausgangspunkt führen. Ist aber bedeutungsvoller als im Chaos zu stehen. Jetzt zittert vor Trübsal sein Mund und über ihn scheint ein mit Druck gefüllter Ballon zu schweben. So gefährlich wie ein Zeppelin, der mit Gas gefüllt ist. Er könnte jederzeit durch das brennende Netz des Gemarterten explodieren. Umfangen von glühend heißen Draht, brennt das Netz ein Muster in seine Haut. Ein Brandmal, dass ihn umhüllt. Da wird der Schmerz zur Erlösung, denn er entfernt die Reste seines Selbst aus diesem Leben. Wieso war er hier derart lange gefangen? Nichts war bei ihm. Jetzt ist kein Platz mehr für zwei. Alles ist fort und vorbei. Wie sollte es verstanden werden? Niemand wird ihn mehr begegnen, denn er hört kein Pfeifen mehr. Nie wieder. Der Wind kam immer und nie zu schnell. Jetzt oder nie. Der heutige Tag kam und er weiß rein äußerlich ist er ein ganz normaler Tag. Doch heute verliert er sein Glück. Kein zurück mehr, für das Wir in dieser Welt. All seine Schritte an jenem Tag waren langsamer und kürzer. So glaubte er an diesem Tag noch einen längeren Weg zurücklegen zu können. Welch ein Irrtum.
Der Druck steigt weiter und seine innere Dunkelheit kämpft tapfer weiter. Der Fluss vor dem Haus tritt über. Ein großer Schritt und erstaunlich kreativ. Genau heute, nicht irgendwann stirbt er an seinem inneren Loch. In der Stille sagt er Ade. Ein Orgelspiel klingt von weiter her. In der kleinen Pause verliert er sein Herz. Einsam kennt er nun keine Hoffnung mehr. Vorbei, er kann nichts mehr verstehen, nichts kann er mehr sehen. Er liebt den Wind. Er kommt, um ihn zu holen. Es gibt kein Spiel, jetzt ist es soweit. Kein Punkt bildet in ihm ein Ziel. Er ist gefangen, aber nicht in einer Kiste, sondern in einer weiten Leere. Sie ist schlimmer, denn dort verliert sich der Geist in einzelne Teile. Die Dinge können nicht mehr zusammenfinden. Kein Einzelteil haftet am jeweils anderem. Ein solches Schicksal ist bitterböse.
Keine Tränen, kein Schrei kommt vom Gemarterten, denn er hat es erkannt. Seine Arme fallen zu beiden Seiten herab, der Kopf hebt sich und sein Blick geht in den Garten hinaus. Das offene Fenster bestätigt, er ist allein. Unrealistisch erfolgt kein Abschied. Der Druck von oben presst sich gegen seine Leere. Ganz laut knirscht sein Kopf, aber ohne Herz verlangt er keine Gnade mehr.
Plötzlich ereignet sich nicht der erwartete Knall, sondern das schwarze Loch in ihm absorbiert die drückende Last. Er ist verwundert und ruft, ich bin nicht richtig ausgeglichen. Aber die Leute gehen an seinem Haus vorbei.
Wiedererwarten erscheint der Wind und bringt Licht in seine Welt. Die Gefühle hat er verloren, wie schön, dass der Wind für ihn an die Wände drückt. Sie bersten in große Stück, so erfolgte es auch mit seiner Seele. Seine Haut spürt den Wind und er sieht das Licht der Sterne. Ihm wird gewiss, das Wichtigste in ihm fehlt. Seine Seele war nie am Leben. Er kann nicht mehr tief durchatmen. Das ist aber nötig, um aufzunehmen, was alles in der Welt passiert. Durch die Enttäuschung schwärzt die dunkle Leere seinen kraftlosen Körper. Er wird die Nacht. Wer weiß von seinem Überlebenskampf, seiner Lebenszeit? Nun, er ist ein Teil der Welt, nicht die Welt Teil von ihm. In der Nacht wird sein Frieden offenbart, jenseits der Vorstellung kann er entdeckt werden. Nach Tagen finden Tiere fast all seine Knochen, an dem Tag jagen sie keine Beute. Sein Kampf ist noch an seinem Todesort verhaftet, das spürt selbst ein Tier.

JD

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