Samstag, 12. Oktober 2013

Racheengel

Der kalte, weiße, nackte Boden versucht durch sie zu dringen und ihren Verstand zu übernehmen. Der Schock fesselt sie bewegungslos an ihren Stuhl.

Der Engel des Todes versucht mit dem giftigen Stachel der Unvernunft die Macht über ihren Körper zu gewinnen. In ihr wütet der Kampf vergangener Tage, die ihr alle Lebenskraft raubt. Die Haut wurde so schnell faltig, dass sie ihr Ende zeitig begriff. Die blauen Adern zeichnen ein verwirrendes Bild auf der weißen Haut, die von einer dunklen Materie gefüllt zu sein scheint. Die Verantwortung aller Taten geht in ihrem Inneren um. Nach einer Operation sitzt sie halb verblutet, ohnmächtig der Konfrontation mit der Realität auf einem Stuhl. Vorzufinden ist ein erkalteter Mensch, dessen Gefühle durch leere Impulse ersetzt wurden. Sie überlebte die letzten Stunden nur kärglich. Die Schwester des Todes, das schlechte Gewissen, heizt qualvoll ihren Stuhl und nutzt die in ihr aufkeimende Unruhe, um sie zur Rede zu stellen. Sie weiß dieser keine Antwort zu geben. Wovon sie spricht, kann sie nicht erahnen. Der rachsüchtigen Schwester des Todes kann sie nicht entkommen. Sie begreift aber die Gelegenheit, die sich nicht als Rettung erweist. Schon kurz darauf befindet sie sich eine beunruhigende Stille im Raum und schwebt als langes Schwert drohend über ihr. Die Schwester des Todes bringt als Beweisstück für Frevel der Vergangenheit eine blutverschmierte Fliese mit. Vor Jahren fand ihr Vater sie blutend auf dem Badezimmerboden. Bevor er starb, konnte er ihr nichts mehr begegnen.

Dies genügt um eine schwarze Gestalt über ihr erscheinen zu lassen, die ihre Laster in sich trägt. Während das Schwert tiefer hinabsinkt, hängt an der Decke über ihr eine schwarze große Gestalt. Sie strahlt eine dunkle und unfreundliche Energie aus, die die Betrachterin verunsichert. Sie besitzt große schwarze Flügel, die von ihrer Haut umspannt sind. Dort wird das rote Fleisch der Organe freigelegt. Sie pulsieren und arbeiten regelmäßig wie ein Uhrwerk. Die Gestalt drückt sich an die Decke und schwebt nahezu bedrohlich über ihr. In einer Position als wäre sie zum Angriff bereit, fixiert sie die Betrachterin.
Sie sitzt auf ihrem Stuhl und wird langsam nervös. Ihr rechtes Auge beginnt zu zucken und sie dreht den Kopf verschämt zur linken Seite hin. Ihren Rücken drückt sie nach hinten durch und sie presst sich mit aller Gewalt gegen das Holz. Schutz suchend krümmt sie sich und krallt ihre Hände bis die weißen Knochen durch die Haut sichtbar sind.

Das Wesen besitzt ein schwarzes dichtes Fell, das glänzt. Der Kopf ist von einer dichten und lockigen Haarmasse umrahmt. Die ungeteilte Aufmerksamkeit des Wesens reizt ihren Unterleib vom Stuhl und drückt die Wirbelsäule bogenförmig durch. Auch krümmt sich die Gestalt zu ihr hin und berührt mit den Händen die Fersen. Ihre Verbundenheit ist ein bizarrer Anblick.

In jenem Augenblick kann beobachtet werden, dass die Frau so schön, reif und weiblich wie nie zuvor erstrahlt. Ein intensives Gefühl der Erlösung hat auf diese Entwicklung großen Einfluss.
Das der intensivste Schmerz in ihrem Leben mehr zu ihr gehört als das Erlebte verursacht keine große Angst. Sie vertraut darauf, dass ihr Körper sie freigibt, wenn sie den Schmerz nicht mehr aushalten kann. Er schützt sie und führt sie sicher zu der Gestalt hin, die eine notwendige Geborgenheit vermittelt.

Signalisiert wird eine überkommende bestimmte Harmonie. Gleich einer Geburt werden Hormone ausgeschüttet und eine Verbindung zwischen dem Gehirn und Nervenzellen hergestellt, sodass der Körper ständig mit Informationen darüber versorgt wird. In dieser Harmonie wird der Austritt ihres Geistes eingeleitet. Verstärkt schüttet ihr Körper Hormone durch Kontraktionen ähnlich Geburtswehen aus.

Ihr Körper überhitzt und sorgt dafür, dass die Produktion körpereigenem Betäubungsmittel einsetzt. Der Schmerz setzt in Pausen aus, sodass er für sie erträglich bleibt. Nun beginnt die Öffnungsphase, eine Art Bewusstseinserweiterung, in der ihr Geist von innen ihre Haut dehnt und sie aufreizt.

Die Grenzen decken ungeahnte Fähigkeiten auf. Der schaurige Engel versucht sie in der Luft zu spüren, um ihren Dämon in die Gewalt zu bekommen.

Die enorme Belastung dieser Arbeit führt aber nun zu einer chronischen Angst, im Fluss unfassbarer Schuldgefühle. So unternimmt ihr Geist schlafwandlerisch den Versuch sich aufzurichten, bei dem ihm die gefiederte Gestalt anleitet, der nicht zuletzt ihre Schuldgefühle symbolisiert. Das Böse erblüht, was deutlich im wachsendem Kontrollverlust des fragilen Verschmelzens widerspiegelt wird. Viel der Abscheu spürt sie. Der grausame Tyrann setzt zu einem Flug hinab an.

Ihre Furcht wird durch die perfide dunkle Energie genährt, die sich in einer impulsartigen Überforderung entlädt. Kannibalische Triebe scheinen das schwarze Wesen sein Abendessen erspüren zu lassen. Die omnipräsente Furcht wirkt episodenhaft. Die Sünde eines Menschen wurde ein schauriger Engel. Anschwellend prägt Todesangst die Szenerie und liefert ein verstörendes Bild, getarnt als beiläufigen Moment. Die säuberliche Trennung der Haut am Bauch setzt das Ende in Gang.
Gerechtigkeit verließ schon lange vor der Hinrichtung das Zimmer.

JD

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen