Der Engel des Todes
versucht mit dem giftigen Stachel der Unvernunft die Macht über
ihren Körper zu gewinnen. In ihr wütet der Kampf vergangener Tage,
die ihr alle Lebenskraft raubt. Die Haut wurde so schnell faltig,
dass sie ihr Ende zeitig begriff. Die blauen Adern zeichnen ein
verwirrendes Bild auf der weißen Haut, die von einer dunklen Materie
gefüllt zu sein scheint. Die Verantwortung aller Taten geht in ihrem
Inneren um. Nach einer Operation sitzt sie halb verblutet, ohnmächtig
der Konfrontation mit der Realität auf einem Stuhl. Vorzufinden ist
ein erkalteter Mensch, dessen Gefühle durch leere Impulse ersetzt
wurden. Sie überlebte die letzten Stunden nur kärglich. Die
Schwester des Todes, das schlechte Gewissen, heizt qualvoll ihren
Stuhl und nutzt die in ihr aufkeimende Unruhe, um sie zur Rede zu
stellen. Sie weiß dieser keine Antwort zu geben. Wovon sie spricht,
kann sie nicht erahnen. Der rachsüchtigen Schwester des Todes kann
sie nicht entkommen. Sie begreift aber die Gelegenheit, die sich
nicht als Rettung erweist. Schon kurz darauf befindet sie sich eine
beunruhigende Stille im Raum und schwebt als langes Schwert drohend
über ihr. Die Schwester des Todes bringt als Beweisstück für
Frevel der Vergangenheit eine blutverschmierte Fliese mit. Vor Jahren
fand ihr Vater sie blutend auf dem Badezimmerboden. Bevor er starb,
konnte er ihr nichts mehr begegnen.
Dies genügt um eine
schwarze Gestalt über ihr erscheinen zu lassen, die ihre Laster in
sich trägt. Während das Schwert tiefer hinabsinkt, hängt an der
Decke über ihr eine schwarze große Gestalt. Sie strahlt eine dunkle
und unfreundliche Energie aus, die die Betrachterin verunsichert. Sie
besitzt große schwarze Flügel, die von ihrer Haut umspannt sind.
Dort wird das rote Fleisch der Organe freigelegt. Sie pulsieren und
arbeiten regelmäßig wie ein Uhrwerk. Die Gestalt drückt sich an
die Decke und schwebt nahezu bedrohlich über ihr. In einer Position
als wäre sie zum Angriff bereit, fixiert sie die Betrachterin.
Sie sitzt auf ihrem Stuhl
und wird langsam nervös. Ihr rechtes Auge beginnt zu zucken und sie
dreht den Kopf verschämt zur linken Seite hin. Ihren Rücken drückt
sie nach hinten durch und sie presst sich mit aller Gewalt gegen das
Holz. Schutz suchend krümmt sie sich und krallt ihre Hände bis die
weißen Knochen durch die Haut sichtbar sind.Das Wesen besitzt ein schwarzes dichtes Fell, das glänzt. Der Kopf ist von einer dichten und lockigen Haarmasse umrahmt. Die ungeteilte Aufmerksamkeit des Wesens reizt ihren Unterleib vom Stuhl und drückt die Wirbelsäule bogenförmig durch. Auch krümmt sich die Gestalt zu ihr hin und berührt mit den Händen die Fersen. Ihre Verbundenheit ist ein bizarrer Anblick.
In jenem Augenblick kann beobachtet werden, dass die Frau so schön, reif und weiblich wie nie zuvor erstrahlt. Ein intensives Gefühl der Erlösung hat auf diese Entwicklung großen Einfluss.
Das der intensivste Schmerz in ihrem Leben mehr zu ihr gehört als das Erlebte verursacht keine große Angst. Sie vertraut darauf, dass ihr Körper sie freigibt, wenn sie den Schmerz nicht mehr aushalten kann. Er schützt sie und führt sie sicher zu der Gestalt hin, die eine notwendige Geborgenheit vermittelt.
Signalisiert wird eine überkommende bestimmte Harmonie. Gleich einer Geburt werden Hormone ausgeschüttet und eine Verbindung zwischen dem Gehirn und Nervenzellen hergestellt, sodass der Körper ständig mit Informationen darüber versorgt wird. In dieser Harmonie wird der Austritt ihres Geistes eingeleitet. Verstärkt schüttet ihr Körper Hormone durch Kontraktionen ähnlich Geburtswehen aus.
Ihr Körper überhitzt und sorgt dafür, dass die
Produktion körpereigenem Betäubungsmittel einsetzt. Der Schmerz
setzt in Pausen aus, sodass er für sie erträglich bleibt. Nun
beginnt die Öffnungsphase, eine Art Bewusstseinserweiterung, in der
ihr Geist von innen ihre Haut dehnt und sie aufreizt.
Die Grenzen decken
ungeahnte Fähigkeiten auf. Der schaurige Engel versucht sie in der
Luft zu spüren, um ihren Dämon in die Gewalt zu bekommen.
Die enorme Belastung dieser Arbeit führt aber nun
zu einer chronischen Angst, im Fluss unfassbarer Schuldgefühle. So
unternimmt ihr Geist schlafwandlerisch den Versuch sich aufzurichten,
bei dem ihm die gefiederte Gestalt anleitet, der nicht zuletzt ihre
Schuldgefühle symbolisiert. Das Böse erblüht, was deutlich im
wachsendem Kontrollverlust des fragilen Verschmelzens widerspiegelt
wird. Viel der Abscheu spürt sie. Der grausame Tyrann setzt zu einem
Flug hinab an.
Ihre Furcht wird durch
die perfide dunkle Energie genährt, die sich in einer impulsartigen
Überforderung entlädt. Kannibalische Triebe scheinen das schwarze
Wesen sein Abendessen erspüren zu lassen. Die omnipräsente Furcht
wirkt episodenhaft. Die Sünde
eines Menschen wurde ein schauriger Engel. Anschwellend prägt
Todesangst die Szenerie und liefert ein verstörendes Bild, getarnt
als beiläufigen Moment. Die säuberliche Trennung der Haut am Bauch
setzt das Ende in Gang.
Gerechtigkeit
verließ schon lange vor der Hinrichtung das Zimmer.
JD
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