Eine Bewegung seines
rechten Armes führt zum Hochspannen seiner Mundwinkel und begradigt
die wülstigen Lippen über die Vorderzähne. Die Ohren rucken am
Kopf nach oben und bleiben stehen. Die Schulterblätter bekommen den
Kampf mit und ziehen sich nach hinten zurück. Da gerät die Brust
nach vorne und erstarrt empört. Der Hintern schiebt sich nach hinten
und die Füße geben standhaft Halt.
Doch die Fahrt auf dem
Bürostuhl startet unversehens.
Die Buchstaben auf seinem
Computerbildschirm werden immer kleiner, Worte werden unklarer und
sie verstreichen in der Ferne zu einem schwarzen Strich. Begeistert
nimmt er war, das schon viel auf dem Blatt passiert ist. Die Rollen
drehen sich durch den Druck des nach hinten durchgedrückten Gesäß
in langsamer Fahrt weiter. Der Erstarrte weist kein großes Gewicht
auf, denn er saß viele Jahre vor dem Bildschirm und da verging ihm
der Appetit auf das Leben. So führt der Erstarrte in der Hoffnung
auf ein überraschendes Ende die Reise ohne Murren fort. Er nimmt nun
Fahrt auf.
Leider hatten seine Füße
schon immer was anderes im Sinn und schleifen hinterher. So etwas
macht die Sohle nicht lange mit und reibt sich daran auf. Da holpern
die Füße im Trap hinter dem Erstarrten her.
Der Windhauch bläst ihm
sein strähniges Haar ins Gesicht und wurschtelt es bunt durch. Das
missfällt dem Erstarrten, denn es erinnert ihn an sein zu langes
Haar. Er müsste es kürzen und er mochte noch nie den Gang zum
Friseur. Die fragenden Blicke des Meisters und die abwertende
Handweisung auf den Saloonstuhl erschwerten den Schnitt durch seine
gewachsenen Tage. Abschied und Wehmut wehten durch sein Herz. Aber
der Friseur ging erbarmungslos an die Mitte und schnitt in Windeseile
seine veralteten Tage ab. Der Verlust des Gewichtes konnte immer mit
erhobenem Haupt gemessen werden. Auf dem Weg vom Friseur zum
Arbeitsplatz sank er recht schnell auf die Brust. So ist der Gang des
Lebens, den kannte er nur zu gut.
Jetzt im Dahinfahren
blickt er verträumt zur Seite und fixiert einen weißen Punkt am
Ende eines bürohauslangen Ganges. Der graue Teppich nimmt noch
einmal etwas von dem Tempo der Fahrt. Die Sicht auf einen weißen
Punkt am Ende eines langen Ganges erinnert ihn alzu stark an das
Licht am Ende des Tunnels. Da wird ihm unbehaglich zu Mute und er wünscht
sich eine Unterbrechung der Fahrt. Wie könnte er nur die
Geschwindigkeit reduzieren?
Da fällt ihm ein, die
vorbeilaufenden Kollegen um Halten zu bitten und sie zu bewegen die
Fahrt zu unterbrechen. Aber die Kollegen sehen nicht was zu tun ist.
Da rollt der Erstarrte weiter bis ans Ende der Schicht. Unaufhaltsam
brausen Kaffeemaschinenräume und Kopiergeräte an ihn vorbei, aber
stellen sich generell niemanden in dem Weg. Das liegt an ihrer
Neigung sich nicht zu nehmen und einfach abzugeben.
Da bleibt keine Wahl mehr
und er betrachtet die Wände des Ganges an denen Bürobilder hängen.
Ausgestellte Stücke von Hausfrauen Hand mit technischer Raffinese
geschaffen, in den Kursen der Volkshochschule erlernt. Schön
schabloniert und ordentlich nach Vorlage gearbeitet, ist man in diesen
Bilder immer wieder auf der Suche nach dem Sinn. Man sucht den
Fehler, denn es gibt sie bereits in großer Stückzahl. Man kann nie
viel finden, denn bei der Verfolgung einer Anleitung waren sie schon
immer ganz genau. Da sagen sie daheim auch stetig dem Gatten, der
gähnt dann gemächlich und verabschiedet sich zum Gang in den
Keller. Ihm gefällt besonders der Hang zum Farbigen und Blumigen.
Alles sitzt gerade und korrekt. Zuhause. Wie bei Mutter.
Die Bilder hängen
zwischen den Büros. Die arbeitenden Kollegen haben ihre Türen
geöffnet und die Kollegen mit außerbürolichen Aktivitäten sind
nicht da oder halten vorsichtshalber die Tür geschlossen. Das ist
gut überlegt, denn vorbeifahrende Erstarrte nehmen alles im Blick
und tragen es weiter. Da weiß man nie, wo es am Ende landet.
Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Alle kommen ins Büro zum
Geld kassieren und Arbeit nicht verlieren. Sie brauchen das Gewissen
und die Wunschliste. Im Büro ist jeder immer auf Zack und da werden
die Gänge auch zugig vom Wind der Leute. Dem ist kein Erstarrter
gewachsen. Das merkt er bereits an seinen verkrampften Muskeln, die
sich nicht mehr lösen wollen. Im Rausch der fast stillstehenden Zeit
bleibt er ein vorbeigehender Moment.
Da trifft ihn der Schlag.
Seit langem ist es Sitte kurze Sätze zu verkünden. Er überlegt und
beginnt mit Twittern. Er hofft, er könne sich nun Gehör
verschaffen. Die Arbeitenden arbeiten und die außerbürolichen
Aktivitäten scheinen nicht mit Twitter verbunden. Da muss der
Erstarrte grübeln und weiß nicht weiter. Er gerät in die Nähe der
Sekretärin und erinnert sich, die Arbeit müsse bald fertig werden.
Wie könne er nur tun,
was man von ihm verlangt? Er ist erstarrt und auf weiterer Fahrt. Das
Ende des Ganges kommt in deutliche Nähe und würde auch das Ende des
Schicht bedeuten. Er rollt fort. Ungebremst und in voller Fahrt. Er
stößt Gebete noch oben und wird jetzt erhört. Ein Schwarm Kollegen
rennt ihm entgegen. Der Erstarrte vergaß, im Büro gibt es nach der
Mittagsstunde eine Runde Kuchen. Das lässt ihn Hoffnung schöpfen.
Dem Schwarm fliegt eine Welle Lachen vornan und erreicht das fixierte
Ohr des Erstarrten. Der Schwarm jedoch dreht ab. Da brauchst ein
Sturm herbei, der den Erstarrten ein ganzes Stück voranträgt.
Bedrohlich näher kommt das großes weiße Licht und die Schreistube
der Sekretärin.
Aus ihrem Stübchen
dringt das Geschrei des herrschenden Tyrannen. Er sieht keinen Ausweg
mehr und gibt jetzt alle rettenden Instanzen auf. Er rollt weiter
voran.
Das schlägt Wellen der
Panik durch seinen Körper und bringt ihn zum Dehydrieren. Der
Flüssigkeitsverlust führt zum schluckendem Zucken des Halses und
überdehnt ihn immens. Das löst die Spannung auf und bewahrt den
Erstarrten vor weiterer bewegloser Pein. Vor Glück springt er in die
Luft und trifft den Türrahmen mit dem Kopf, Eindrittel vor dem Ende.
Das staucht ihn zusammen und schleudert ihn zurück auf den Stuhl.
Jetzt war er wieder
gefangen und der Stuhl nahm die Fahrt weiter auf. Auf dem
Weg wurde zurückgekehrt und der Erneuterstarrte fand
sich an seinem Platz ein. Dort kamen die Buchstaben auf seinem
Bildschirm wieder zu tage. Der Erneuterstarrte sieht die gewachsenen
Zeile und ließt die Worte: „Das
bemmmmmmmmmmmmmmmmvommmmmmmmmmmm.....“
Was kann man da noch
sagen? Der Erneuterstarrte ist vom Arbeitsplatz geplagt und findet
keinen Weg aus dem Haus.
JD
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen