Mittwoch, 21. August 2013

Kopfschmerzen

Unzählige Gedanken parken auf seinem Kopf und streben weit hinauf. Da manche Gedanken schwer sind als andere, liegen die Leichtgewichte obenauf. In seinem Kopf ist schon alles ohne Sinn und Verstand vollgestopft bis an die Decke. Überall liegt und fliegt ein Traum oder Gedanke. Das ist seine Neigung zur berstender Fülle. Die Trennung von liebgewonnenen Begleitern in mancher schweren Stunde und lustigen Runde fällt ihm nicht leicht. Müsste er das geben, was er weiß, verliert er an Masse und hat neu zu sammeln. Das Viel an Gedanken verleitet zum Schluss, es gäbe auch viel zu erzählen.

Wenn er aber gebeten wird zu berichten, gerät er in Not, denn Gedanken, Träume und Erinnerungen sind laut oder leise, farbig oder eintönig, gewichtig oder banal. Wo fängt man denn nur an zu suchen und hinzuhören? Begibt man sich auf die Suche muss man auch nach dem Weg fragen und das war ihm von Anfang an unangenehm. Das können aber die Menschen nicht sehen, denn sie hören nur seine Klagen. Die pochende Stirn, der krumme Rücken und schwere Gang machen ihn noch kleiner als er überhaupt hoch wachsen konnte. Fragende wussten keinen Rat mehr und zogen von einer Frage zur nächsten weiter. Dies verunsicherte ihn zunehmend, sodass er den Kopf wild schüttelte und die Augen zusammenpresste.

Was aber kam, war ein heißer Atem und unsicherer Wank. Nun empörten sich die Fragenden, warum der Wissende nicht antworten könne. Er wusste sich nicht zu helfen und biss verkniffen auf seine Speichel benässte Zunge. Der Speichel staute sich in seiner Mundhöhle und gab keinen Weg frei.

Er bekam Angst vor der Wortlosigkeit und versuchte ungestüm die Dämme zu brechen. Die Tat war nicht von Erfolg gekrönt und ließ ihn weiter verzweifeln. Was ihm blieb, war nur das Handeln. Da geriet er in Panik fuchtelte wild mit den Armen. Die vorbeilaufenden Menschen erschraken und gingen schnell zu einem sicheren Hafen. Was konnte er jetzt noch tun? Was bleibt, ist Warten?

Ohne Macht über seine Gedanken konnte er sie nicht zur Ordnung rufen. Er wünschte sich so sehr eine rettende Flut und schickte sich an auf seine Zunge zu beißen. Die Zunge war eine heiße Sache. Früher konnte sie alles schmecken und das Leben voll auskosten. Dann verlor sie alle Scham und gab sich ganz frei. Hatte sie dann Lust zu trotzen, blieb sie einfach liegen. Jetzt waren viele Jahre vergangen und da blieb sie aus Altersstarrsinn verdrossen ignorant.

Die Zähne jedoch wurden über die Jahre ganz scharf vom Schleifen. Sie blitzten bösartig an der Sonne. Schnell konnten sie sich in die Zunge bohren und schnitten was vom Ende ab. Jetzt löste sich die Flut und alles rauschte aus ihm raus. Er rief, es darf doch nicht alles verloren gehen, ich habe euch gebraucht. Aber die Gedanken waren schon weggefloßen und von dannen gezogen. Sie hinterließen keine bleibende Erinnerung, denn es wurde alles reingewaschen. Erschrocken über diese unerfüllte Leere begab er sich auf die Suche. Da bemerkte er ohne die Schwere könnte er leichter gehen. Er bemächtigte sich dem aufrechten Gang und bekam Halt vom Rückgrat. Die hatten sich schon lange nicht mehr getroffen. Jetzt zog der Kopf am Nacken und richtete sich gegen dem Himmel auf. Die Sonne strahlte und das unendliche Blau löste einen Reiz in ihm aus.

Er begab sich auf die Suche nach allen Farben. Jahre verbrachte er mit dem Sammeln und besuchte viele aufregende Orte. Es berauschte ihn alles zu finden, was zu sehen gab. Ohne gescheit funktionierende Zunge blieb er gedankenfrei. Nun war es an ihm Fragen zu stellen und um Antworten zu bitten. Das viel ihm weiterhin schwer, denn er konnte nicht wiedergeben, was er wissen möchte. Ein Dilemma! Da wurde es Frühling und es kamen die vielen Farben. Sie umspülten seine Welt und zogen ihn mit sich. Besonders sein Kopf lag in den Wolken. Ohne Blick für die unteren Ränge übersah er die Wege und geriet in eine Falle. Das Loch war riesig und schwarz. Ganz ohne Farbe. Ihm wurde alles genommen und er wurde eins mit dem farbenfreien Raum. Er verlor seine Farbe und verschwand im Schwarz.

JD

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